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- <title>Aufbruch und Abbruch - Vithuran Vishnuthas</title>
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- <u><a href="/index.html"><h1>Writer V2</h1></a></u>
- Vithuran Vishnuthas
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- <a href="/stories.html">Stories</a>
- </nav>
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-
- <h2>Aufbruch und Abbruch</h2>
- <a class="download-button" href="aufbruch_und_abbruch.pdf" download>Download PDF</a>
- <div class="story-text"><p>Meine erste Quest stand vor der Tür. Lange hatte ich darauf gewartet
-mit der dreistufigen Heilkunst dem jahrelangen Krieg gegen das
-Aussterben der regionalen Drachenarten beizutreten. Schon immer war ich
-fasziniert von diesen mysteriösen Kreaturen, die im Stadtkreis
-Franzreich leider kaum noch zu beobachten sind. Mit Ehrgeiz und
-Leidenschaft eignete ich mir das Wissen, die Fähigkeiten und jedes
-notwendige Puzzleteil an. Vorerst musste ich mich noch bei der Gilde für
-Heilkünstler anmelden.</p>
-<p>Die zentrale Arbeitsverwaltungsstelle befand sich zum Glück direkt
-gegenüber meiner Universität, also zehn spontane Minuten südlich von
-mir. Natürlich bereitete ich mich sorgfältig vor und sicherte mir eine
-Woche vorher jeweils zwei Kopien für alle Nachweise in einer akademisch
-anerkannten Feendruckerei in der Nähe. Außerdem zog ich mir stolz die
-schwarze Ganzkörperrüstung an, die mir einer meiner verstorbenen
-Heilkunstmeister geschenkt hatte. Ausgerechnet an diesem Tag war der
-kürzeste Weg aufgrund eines Streiks gegen den Franzreicher
-Drachenverband blockiert. Dementsprechend musste ich einen Bogen um das
-Gebiet des Streiks machen, um letztendlich über den südlichen Eingang
-reinzukommen. Die Menschenmenge war wütend und laut.<br />
-»Tötet die Drachen! Tötet das Böse!«, sangen sie empört im Marschtempo.
-Meistens waren es Kinder und Enkelkinder von den Opfern der
-Drachenattacken vor Jahrzehnten, weshalb ich hitzige Diskussionen mit
-ihnen stets vermied. Teilweise verstand ich auch das entfachte Feuer.
-Der Stadtrat konnte sich die geplanten Mittel für die Unterstützung
-aller regionalen Drachenstämme nicht leisten. Der Verband, der für diese
-Entscheidung gekämpft hatte, unterstützte den Rat bei diesem Vorgehen
-lediglich mit einem irrelevant kleinen Beitrag. Nun waren anderweitige
-Abzüge geplant, die das Leben aller Menschen hier gefährdete. Die
-zahlreichen Baustellen auf der Hinterseite dieses Denkmals unterstrichen
-diese Gefahr. Manche von ihnen sind älter als ich und bei der Intensität
-der Demonstrationen konnte die Hinterseite jederzeit einbrechen. Die
-Schreie auf der anderen Seite konnte man vermutlich selbst außerhalb der
-Stadt noch hören. Die nervigen Glockenschläge ließen vermuten, dass
-immer mehr Aufsichtspersonen dazu kamen und das war noch nie ein gutes
-Zeichen. Doch selbst bei diesem Chaos versammelten sich Touristen aus
-jeder Ecke unserer Welt vor dem Eingang des riesigen Bauwerks und
-staunten wortlos. Von vorne war das von der antiken Feenarchitektur
-inspirierte Komplex aus überwiegend Gotenrot-Granit auch für einen
-gebürtigen Franz wie mich überwältigend. Auch die Verdopplung der Zeit,
-die ich zum Standort gebraucht hatte, ruinierte mir die Vorfreude nicht.
-Endlich war es soweit!</p>
-<p>Drinnen stellte ich mich in der Hitze an der Schlange zur Rezeption
-an. Ob mit oder ohne Termin, mit oder ohne Vorwissen, mit oder ohne
-Beschäftigung im Gebäude, musste sich jeder Besucher der vierundachtzig
-Bereiche auf den neunzehn Etagen verteilt an der zentralen Meldestelle
-in der ersten Etage anmelden. Die Bereiche selber konnten zusätzlich
-ihre eigene Bereiche in den Weg stellen. Zumindest waren die großen
-Fenster offen und auch aufgrund der Größe der Halle war frische
-Luftzufuhr kaum ein Problem. Die Schlange in ihrer Länge würde vertikal
-mit Sicherheit die Höhe des riesigen Gebäude übertrumpfen. Alle paar
-Minuten bewegten wir uns alle einen Schritt vor. So verging bereits eine
-halbe Stunde. Doch ich konnte die Wartezeit mit einem raus gerissenen
-Zeitungsartikel über die Forschung der vierstufigen Heilkunst
-verringern, wobei ich ehrlich gesagt aufgrund der Unruhe im Haus im
-ersten Absatz hängen geblieben bin. Nebenbei jammerte die ganze Zeit ein
-älterer Herr vor mir über den teuflischen Ursprung der Drachen. Er
-spuckte große Töne wie er alleine alle Diener des Teufels vertreiben
-könnte. Der Streit des Ehepaars hinter mir machte es nicht erträglicher.
-Manchmal standen eben fade Hindernisse auf dem Weg zum Traumberuf und
-jeder Franz, vielleicht auch jeder Mensch, musste damit leben.<br />
-»Ja. Bitte?«, begrüßte mich eine erschöpfte Stimme als ich erleichtert
-vorne angekommen war. Ich schüttelte mir meine Frust ab auf die
-Hoffnung, dass es hiernach schnell ginge.<br />
-»Guten Tag. Ich möchte mich bei der Gilde für Heilkünstler anmelden«,
-sagte ich.<br />
-»Welche Art?«, fragte sie routiniert.<br />
-»Heilkunst für Drachen«, antwortete ich. Ihr grimmiger Blick verriet mir
-ihre Meinung über meinen zukünftigen Beruf. Das war ich gewohnt. Sie
-schob mir ein Blatt mit einer grünen Feenfeder zu.<br />
-»Name. Geburtsdatum. Unterschrift«, sagte sie und fing an ihre dutzende
-Schubladen zu durchstöbern. Dies erledigte ich schnell. Da sie noch
-nicht bereit war, las ich sicherheitshalber den Inhalt des Dokuments
-durch, was im Endeffekt nur die Speicherung des Protokolls, das ich
-ohnehin nicht ablehnen konnte, beinhaltete. Während sie in einen anderen
-Raum verschwunden war, überprüfte ich nochmal meine Unterschrift
-gelangweilt und verzierte sie mit fehlgeschlagenen Korrekturen.<br />
-»Da haben wir es endlich«, schnaufte sie. Nach ein paar Kreuzen auf den
-drei Skripten überreichte sie mir diese.<br />
-»Erster Raum links in der dreizehnten Etage«, befahl sie mir und wand
-sich an die nächste Person. Dies überraschte mich, da ich bei meinen
-vergangenen Ausflügen gelernt hatte, dass sich die wichtigsten Räume für
-die Heilkünstler Gilde in der zweiten Etagen befänden. Ich hatte vor,
-sie zu bitten meine Unklarheiten aufzuklären. Nur war sie bereits im
-nächsten Gespräch vertrieft und ignorierte mich. Die erschreckend
-erstreckende Schlange stimmte ihrer Entscheidung zu.</p>
-<p>Dreizehn mal dreißig Treppenstufen ging ich schwitzend hoch und las
-mir dabei die Skripte für das Personal durch bis es anfing durch die
-Fenster zu regnen. Zunächst klang ein Gewitter nicht weit entfernt bis
-ich feststellen musste, dass es in Wirklichkeit Explosionen bei den
-Demonstrationen waren. Bevor ich in meine Verzweiflungen über den Weg
-nachhause versinken konnte, betrat ich oben angekommen einen winzigen
-Raum, der überraschenderweise leer gewesen ist. Selbst an der Theke
-stand niemand. Ich überprüfte nochmal den Raumnamen und es sollte der
-richtige Ort sein.<br />
-»Komme gleich!«, rief jemand aus dem gegenüberliegenden Zimmer. Der
-junge, offensichtlich überforderte Mann, der in seinem Schweiß duschen
-durfte, kam schnell zu mir angerannt.<br />
-»Heilkunst für Klein-und Mitteldrachen? Richtig?«, fragte er. Ich haute
-mir auf die Stirn mit einer bösen Vorahnung beim Klang des von ihm
-erwähnten Zusatzes und bestätigte seine Vermutung.<br />
-»Ich bitte um Verzeihung. Sie finden die Anmeldung der Heilkünstler für
-Klein-und Mitteldrachen in der zweiten Etage ganz hinten rechts«, sagte
-er und nahm sich Luft, um Genaueres zu erklären, konnte allerdings an
-meiner Reaktion ablesen, dass ich mir der Problematik bewusst geworden
-bin. Ich bedankte mich bei ihm und machte mich auf den Weg runter.</p>
-<p>Vor hunderten Jahren unterschied man zwischen dem Zweig der
-vollständig anerkannten Heilkünstler für Drachen und dem für Klein-und
-Mitteldrachen. Letzteres beschränkte sich auf kleinere, weniger riskante
-Aufträge, eigentlich unabhängig von der Größe der Drachen, und machte
-den Beruf mit niedrigeren Gebühren zugänglicher. In der Praxis wurde
-diese Unterteilung nach Ende des Kriegs durch das Stufensystem ersetzt,
-welches eine stets an den wissenschaftlichen Fortschritt gebundene
-Bewertung der Kompetenzen ermöglichte. Akademisch sind beide Zweige
-weiterhin vorhanden. Jedoch unterscheidet sich der Stoff kaum, weswegen
-sich, mit der Ausnahme von einigen Reichen mit einer Allergie gegen arme
-Menschen, keiner für den teuren Weg entscheidet und kaum noch eine
-Universität diesen anbietet. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der
-Zusatz <em>für Klein-und Mitteldrachen</em> weggelassen.
-Nichtsdestotrotz hätte ich besser aufpassen müssen. Ich war enttäuscht
-von meiner Dummheit, die mir eine handvoll Zeit kostete.</p>
-<p>Meine Kleidung unter der Rüstung war durchnässt vom Schweiß und ich
-konnte nicht mehr klar denken. Wieder beschuldigte ich mich selber für
-die Wahl meiner Kleidung. Der richtige Raum war nicht viel größer und
-zum Glück nicht allzu weniger leer. Wenigstens konnte ich mich auf eine
-bequeme Bank hinsetzen, nachdem ich einem Mitarbeiter die Skripte
-überreichte und im Gegenzug ein Los mit der Zahl dreizehn erhielt.<br />
-»Du, langsam habe ich keine Geduld mehr. Bei den Brüdern hatte ich
-keiner dieser nervigen Prozesse«, meckerte ein erschöpfter Bube, etwa in
-meinem Alter, zu seinem etwas älteren Kollegen.<br />
-»Sag das doch nicht so laut, du Dummkopf«, flüsterte der Andere. Darüber
-sollte man sich tatsächlich nicht in der Öffentlichkeit unterhalten. Die
-Drachenbrüder Gemeinschaft ist eine kriminelle Organisationen, wenn
-nicht sogar eine kleine Streitmacht, mit dem Ziel den Frieden zwischen
-Drachen und Menschen zu etablieren. An sich teilte ich diesen Gedanken,
-doch alle Verfechter dieser Harmonie mit Drachenattacken umzubringen,
-erschien mir nicht sinnvoll. Auch wenn jede Menge offensichtliche Lügen
-über sie verbreitet wurden, hielt ich immer einen großen Abstand zu
-ihnen. Einzig und allein mein bester Freund, der erst vor kurzem einen
-hohen Rang bei den Brüdern erhielt, war mein Draht zu ihnen. Beinahe
-wäre unsere Freundschaft an seiner Entscheidung gebrochen. Wenn man sich
-aber erstmal in diese Dunkelheit verirrte, konnte man es schwer hinaus
-schaffen, weshalb die beiden sofort meinen Respekt gewannen.<br />
-»Dreizehn«, rief die Dame an der Theke. Das war meine Zahl. Es war mir
-etwas unangenehm vor den zwei, die schon vor mir hier waren, aufgerufen
-zu werden. Ich überlegte mir, ob ich mich bei ihnen entschuldigen oder
-gar ihnen den Vortritt überlassen sollte. Letztendlich habe ich beschämt
-versucht ihre Blicke zu ignorieren.<br />
-»So. Grüß Gott«, begrüßte sie mich oder auch nicht und überflog zunächst
-die drei Skripte, die eigentlich für jeden Bewerber hier gleich sein
-sollten, doch mit Sicherheit hatte eine Überprüfung gute Gründe. Im
-Grunde zählten die Papiere nur die Voraussetzungen für die Anmeldung und
-die notwendigen Beweise auf, geschmückt mit einigen ausführlichen
-Wiederholungen, um juristischen Fallen auszuweichen.<br />
-»Dürfte ich Sie bitten mir Ihr Zeugnis vorzulegen?«, fragte sie mich
-nett. Meine Dokumente waren zum Glück in Ordnung. Die paar Taler mehr
-für die wasserfaste Glasur in der Feendruckerei scheinen sich gelohnt zu
-haben. Ich legte direkt alle vor, sodass sie sich nacheinander das
-nötige selber nehmen konnte.<br />
-»Bitte erstmal nur das Zeugnis«, sagte sie. Die beiden Ex-Drachenbrüder
-da hinten kicherten. Beschämt nahm ich alle zunächst irrelevanten
-Dokumente zurück.<br />
-»Die korrekte Bewertung für meine Tempomathematik Leistungen steht am
-Ende des Briefs der Prüfungskommission. Da wurde ein Fehler erst nach
-der Zeugnisvergabe gefunden«, erklärte ich als sie beim Anblick meines
-Zeugnisses für die dreistufige Heilkunst verwirrt grübelte.<br />
-»Aha. Ja, das macht Sinn«, sagte sie, ehe sie am Ende des Briefs
-angekommen wieder eine Hürde bemerkte, die ich ebenfalls erwartet
-habe.<br />
-»Es tut mir leid, aber wir haben hier ein Problem. Sehen Sie?«, fragte
-sie mich und zeigte auf das Datum im Stempel, welches nicht mit dem oben
-in der Kopfzeile vermerkten Datum übereinstimmte.<br />
-»Das habe ich sogar in der Universität angemerkt als ich den Brief
-erhalten habe und sie hatten mir versichert, dass dies kein Problem
-sei«, antwortete ich schnell.<br />
-»Sicher wird sowas hier und da mal übersehen. Aber ich kann das leider
-nicht durchgehen lassen. Wir sind ja hier keine kriminelle Bande«,
-merkte sie lachend an und schielte dabei zu den beiden Jungs
-hinten.<br />
-»Wir können es so machen. Ihre Universität ist ja gleich nebenan. Ich
-schreibe kurz einen Brief, den sie am besten jetzt direkt dort abgeben
-und sobald sie die Korrektur mit einem validen Datum erhalten haben,
-können Sie sich wieder hier melden«, schlug sie vor und schaute auch
-dabei nicht mir in die Augen, sondern erneut zu den ehemaligen
-Drachenbrüdern. Ich nickte schweigend, weil ich nicht anders wusste.
-Musste ich unbedingt das Opfer in diesem idiotischen Kräftemessen sein?
-Sie verschwand in ein Hinterzimmer und wieder vergingen sinnlose
-Minuten. Mir waren die Gründe für diese absurd ineffiziente Prozesse
-durchaus bewusst. Gerade in einer solch lebendigen Umgebung wie
-Franzreich konnte man nicht auf einfache Wege ausweichen. Doch langsam
-fühlte ich mich veräppelt. Ich war mir hunderprozentig sicher, dass
-dieses doofe Datum ohne die Anwesenheiten der beiden Jungs kein
-Stolperstein gewesen wäre. Eine Weile später kam die Frau zurück mit
-einem entsetzten Blick.<br />
-»Es tut mir leid. Wirklich, es tut mir vom Herzen leid. Wir haben keinen
-Feenstaub mehr. Könnten Sie sich bitte noch ein wenig gedulden bis der
-Nachschub kommt?«, fragte sie. Ich sammelte verstummt meine Dokumente
-ein, wartete eine ganze Stunde und erst nachdem die beiden Knaben nach
-einer hitzigen Diskussion wütend den Raum verließen, bekam ich den Brief
-zu Händen. Ich stampfte raus und gewährte keiner Entschuldigung Zutritt.
-Wie ich die Universität nun erreichen sollte, war mir nicht bewusst. Ich
-musste mir das Geschehen erstmal mit den eigenen Augen ansehen.</p>
-<p>Der Rauchqualm, der warme Regen und die zahlreichen blutigen
-Körperteile auf der ganzen Straße verteilt ekelten mich an. Draußen
-hatte sich die Lage überhaupt nicht beruhigt. Im Gegenteil, der Weg zur
-anderen Straßenseite musste zusätzlich mit Gitter abgesperrt werden.
-Unsere beliebte kompetente Stadtaufsicht hatte keine Kontrolle mehr.
-Gewalt war die letzte und wie immer die einzige Option. Langsam
-entwickelte sich eine primitive Schlacht auf engsten Raum. Spitze Pfeile
-und aus Dreck geformten Bälle flogen in alle Richtungen. Schwerter
-schlitzten Arme und Beine auf. Blut bekleckerte die weißen Kleider. Dies
-geschah nicht zum ersten Mal und Mitleid hatte ich für keinen dieser
-Sturrköpfe, ganz egal ob sie nun weiße Mäntel oder graue Helme trugen.
-Sie alle versuchten die Verlierer und Opfer dieser Schlachten zu sein,
-um ihre Richtigkeit zu stärken. Mutig und erbärmlich waren diese
-Parteien. Nichtsdestotrotz grenzte diese Auseinandersetzung diesmal in
-ihrem Ausmaß an einem Bürgerkrieg. Geduldig wartete ich ab bis sich eine
-winzige Lücke ergab. Ich klaute mir den großen Schild einer gefallenen
-Aufsichtsperson und meine Rüstung hatte ich bereits an. Langsam, sicher
-und nicht allzu auffällig stoß ich mich vor. Einfach war es auf keinster
-Weise. Ich hatte keine Kampferfahrungen. Meine Verzweiflung führte mich
-zu diesem dummen Weg und zurück konnte ich nicht mehr. Manche
-geschwächte Körper schubste ich weg und hier und da war eine Faust
-notwendig. Als schließlich ein hochrangiger Kommandant meine
-Verteidigung mit einer großen Axt durchbrach, spürte ich im nächsten
-Moment einen Schlag mit einer Keule auf meinen Hinterkopf. Der
-Angreifer, von der Stimmung angesteckt, schlug weiter auf mich bis er
-eine neue Beute fand. Am Boden liegend sah ich sowohl die Demonstranten,
-als auch die Aufsicht, über mir. Ich sah die Erinnerungen meines kurzen
-Lebens und meinen hartnäckigen Weg zu meinem Traum vor mir. Was niemand
-kommen sah war das Wildtier mit dem gefürchteten Horn. Gefühlt platzten
-in einem einzigen Augenblick eine handvoll blutgefüllte Ballons auf. Ein
-seltener Drache, der aufgrund seines Gewichts, nicht fliegen konnte,
-stürmte auf die Straßen, stoß dutzende Männer und Frauen weg und
-durchschlitzte meine linke Schulter mit seiner spitzen silbernen
-Jagdwaffe auf der Schnautze. Die Silberspitzbestie zog mich mit zurück
-zum Eingang der Arbeitsverwaltungsstelle und bewahrte mich vor meinen
-fast sicheren Tod. Das Adrenalin verdrängte meinen Schmerz als ich
-zusehen musste wie weitere Drachen, die wir nur aus Bücher kannten, alle
-Hindernisse durchmätzelten. Diese Überraschung zwang die dummen Menschen
-zur temporären Beilegung ihrer Konflikte. Sie trugen nun alle rot und
-gemeinsam konnten sie der doch kleinen Gruppe an Drachen jede Menge
-Schaden anrichten. Die Silberspitzbestie fiel zu Boden und blutete aus
-den großen gelben Augen. Ich befreite mich aus der Spitze und beschützte
-als Schwächlich naiv das Tier vor weiteren Angriffen. Aus dem nichts
-umrahmten uns einige Rauchbomben. Tatöwierte schwarzgekleidete Soldaten
-stürmten das Schlachtfeld. Dass die Drachenbrüder hinter diesem Angriff
-standen, sollte keine Überraschung sein. Sie ermöglichten mir und der
-Bestie die Flucht.</p>
-<p>Unabhängig von unseren politschen Differenzen, half ich ihnen das
-große Tier in das Foyer der ersten Etage zu schleppen. Vor Angst
-zappelte es unaufhaltbar rum. Die Bürger liefen panisch weg. Einer der
-tatöwierten Krieger nahm eine Flasche mit einer blauen Flüssigkeit aus
-der Tasche und ohne groß zu überlegen warf ich ihm diese aus der Hand
-weg.<br />
-»Bist du verrückt? Daran würde jeder Drache sterben. Das weiß man doch«,
-schimpfte ich, bevor ein weiterer Drachenbruder mich auf den Boden warf
-und anschließend meine blutende Schulter genauer anschaute.<br />
-»Das ist für dich, du Schlaumeier«, lachte mich eine bekannte Stimme
-aus. Mein bester Freund, versteckt hinter der Maske, die einen
-Drachenbruder-General kennzeichnet, schüttete mir ein paar Tropfen von
-einer weiteren Flasche mit Himmelfeuersaft in den Mund. Dieser Trank
-wurde aufgrund der extremen Suchtgefahr in allen Kreisen der Welt
-gebannt, doch in kriegerischen Zeiten galt es als eine Geheimwaffe der
-Menschen gegen die Drachen. In wenigen Sekunden war mein Körper betäubt
-durch den Trank, der einen Drachen zum Tode erhitzen konnte.<br />
-»Während du hier operiert wirst, kannst du uns ja mit deinen
-<em>akademisch anerkannten</em> Heilkünsten beraten wie wir unseren
-großen Feund retten«, schlug der General vor. Zwei der drei Brüder, die
-sich um meine Schulter kümmerten, waren ausgerechnet die beiden Knaben
-bei der Anmeldung vorhin. In meinem Zustand hatte ich nicht wirklich
-eine Entscheidungsfreiheit. Mein bester Freund und seine Kollegen waren
-nicht dumm, sogar überaus kompetent mit mehr Praxiserfahrungen als ich.
-Dennoch respektierten sie mein Wissen genug, um meine Anweisungen ohne
-Wiederworte zu befolgen. Gemeinsam stoppten wir die Blutung.
-Nichtsdestotrotz bedarf es sicherheitshalber die dritte Heilstufe, um
-der Silberspitzbestie eine gesunde Zukunft zu verschaffen. Hierfür
-brauchte ich meine eigene Hände, um schnellstmöglich meine Gedankenzüge
-verstehen und umsetzen zu können. Wir warteten eine kurze Zeit, in der
-die Wirkung des Saftes nachließ und die Brüder mir keine Chance gaben,
-mich von den Auseinandersetzungen mit den Mitarbeitern der
-Arbeitsverwaltungsstelle, ablenken zu lassen. Meine Nervösität ließ mich
-zittern als es soweit war. Zum ersten Mal wand ich die dritte Heilstufe
-an einem lebendigen Lebewesen an. Das schwache Schnaufen des Drachens
-und die gelben Augen, die in meinen Augen nach einer gesunden Zukunft
-sehnten, gaben mir die notwendige Mut. Mit Bedacht und höchster
-Konzentration bearbeitete ich die Augenlider mit Messern, die nicht für
-diese Anwendung ausgerichtet waren. Ob die Verfechter der Drachen für
-einen kurzen Moment Empathie für diese Kreatur lernten oder durch die
-Freunde der Drachen verstummt wurden, wusste ich nicht. Jedenfalls war
-es ruhig im Saal. Nur das Schnaufen des Tiers und die partikelgenauen
-Messerstiche warfen abwechselnd einen Schall hin und her bis die Bestie
-in einen tiefen Schlaf fiel. Die Akademie hatte mich nicht auf die
-Emotionen vorbereitet, die ich empfand als am nächsten Morgen nach einer
-teilweise schlaflosen Nacht die große raue Zunge der Silberspitzbestie
-mein Gesicht liebevoll abschleckte. Ein Mitglied der Gilde für
-Heilkünstler war ich nicht. Aber mit dem Wissen und den Kenntnissen, die
-meine Meister und Vorbilder mir lehrten, rettete ich ein Leben. Auch die
-Brüder teilten das Glück mit mir und zunächst boten sie mir eine
-Goldbelohnung an, das ich ablehnte. Wenn auch mit Sicherheit mein bester
-Freund sich diese Entscheidung erhoffte und mich dazu trieb, bin ich
-eigenwillig am ersten Tag des modernen Franzreicher Bürgerkriegs, einen
-Tag nachdem ich einer Kreatur Leben gab, die daraufhin im nächsten Jahr
-tausenden Menschen das Leben nahm, zu einem Heilkünstler für Drachen bei
-den Drachenbrüder geworden. Auch meine loyalsten Zellen bezweifeln
-nicht, dass ich damit meine moralischen Idealen hinterging. Ich habe
-mich aber nicht in die Dunkelheit verirrt. Nein, ich bin aus dem
-Labyrinth ausgebrochen.</p>
-</div>
-
- </main>
- <footer>
- Vithuran Vishnuthas &copy; 2022 - 2023
- </footer>
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