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- <title>Wege zum Tod - Vithuran Vishnuthas</title>
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- <u><a href="/index.html"><h1>Writer V2</h1></a></u>
- Vithuran Vishnuthas
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-
- <h2>Wege zum Tod</h2>
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- <div class="story-text"><p>Am farbenfrohen Morgen ihres letzten Tages saß die siebzehnjährige
-Hana im Blickwinkel der selbstbewussten Sonne am Isarufer in einem roten
-Ballkleid. Ihre kurzen schwarzen Haare tanzten zum angenehmen Gesang des
-Windes mit. Weder die zwei Möwen neben ihr, die weggeworfene Tüten nach
-Essen absuchten, noch die laute Schlagermusik oben auf der
-Reichenbachbrücke, weckten sie beim Tagträumen auf. In ihren chaotischen
-Gedanken suchte sie nach einer Antwort auf die Frage, die in ihrem
-Gehirn eingenistet war. Auf ihrem leicht geschminkten Gesicht vermehrten
-sich die Fragezeichen bis kein Platz mehr übrig war und ihre natürliche
-Röte das Rouge übertönte. Die Isar kicherte vergnügt.<br />
-»Du siehst ja heute wunderschön aus. Gibt es einen speziellen Anlass?«,
-fragte sie. Der Fluss, der das Leben der Münchener hin und auswendig
-kennt, hat für Hana einen besonderen Platz im Herzen.<br />
-»Ich frage mich selber die ganze Zeit warum ich es heute angezogen
-habe«, beklagte Hana und fasste sich an den Kopf.<br />
-»Hast du mal die Entscheidung nachgespielt?«, fragte die Isar. Die Sonne
-musste lachen beim Anblick des verwirrten Blicks, der als eine Antwort
-reichte. Gerade diese naive Leichtigkeit des Mädchens löste beim
-täglichen Quatschen die ältesten Probleme der Isar auf, wenn auch nur
-für den Moment.<br />
-»Du könntest dich wieder vor deinen Kleiderschrank stellen, sodass du
-die möglichen Einflüsse nochmal wahrnehmen kannst«, erklärte die Isar
-ausführlicher. Konzentriert schaute Hana in die Ferne und verarbeitete
-die Worte des Flusses bis sie vor Freude aufsprang und damit die Möwen
-verscheuchte.<br />
-»Das ist eine geniale Idee …Mit dem Kleiderschrank von Papa funktioniert
-das auch, oder?«, fragte sie zögerlich. Der große Stern am Himmel lachte
-das Kind weiter aus.<br />
-»Wenn da das Kleid drinnen war, ja«, antworte die Isar geduldig. Sofort
-machte sich Hana auf den Weg nachhause.</p>
-<p>Im Gegensatz zu Hana, wusste Edgar bereits, dass es sein letzter Tag
-sein wird. Niemand prophezeite ihm diese Wahrheit. Es war ihm grundlos
-selbstverständlich. Der Mann, der normalerweise jeden Morgen gepflegt
-und vorbereitet als Erster in der Schule erschien, um etlichen Klassen
-die Kunst der Mathematik einzutrichtern, spazierte unbekümmert am
-Marienplatz in seinem grauen karierten Pyjama, nachdem er seinen Bauch
-in seinem Lieblingslokal gefüllt hatte. Vor dem Tod wollte er noch
-seinen Geldbeutel zu seinem Vergnügen entleeren. Ein Drei-Gänge-Menü zum
-Frühstück sättigte zwar einen Hunger, aber nicht den <em>anderen</em>
-Hunger. Er betrat ein kleines Modegeschäft, welches im Schaufenster eine
-schwarze Lederjacke für Frauen präsentierte. Es war allerdings nicht die
-Jacke, die sein Interesse gewann. Vor sich hin murmelnd studierte er
-seine Frage ein, bevor er sich zur Kasse begab.<br />
-»Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Kassiererin. Die
-Wörter, die ihm auf der Zunge lagen, schluckte er beim Lachen wieder
-runter. Bei jedem Ansatz fing er erneut an zu lachen. Schließlich zeigte
-er auf die schwarze Lederjacke.<br />
-»Möchten Sie die Jacke kaufen?«, vergewisserte sich die Kassiererin. Er
-schüttelte den Kopf.<br />
-»Nein, aber wie viel kostet die Schaufensterpuppe?«, quietschte er aus
-seinen zitternden Lippen raus bevor er sich seine Seele schlapp lachte.
-Es dauerte ein wenig bis er merkte, dass weder die Kassiererin, noch die
-anderen Kunden in der Schlange, seinen Humor schätzten. Dieser peinliche
-Moment sollte dem sterbenden Mann eigentlich nichts bedeuten. Dennoch
-stampfte er wütend raus und betrat die gegenüberliegende Boutique, wo er
-tatsächlich eine Schaufensterpuppe zu einem Preis von zehn Lederjacken
-kaufen durfte.</p>
-<p>Etwa fünf Minuten südöstlich von ihm entfernt, bestaunte am
-Viktualienmarkt eine hungrige schwarze Katze die leckeren Gerüche, die
-sie allerdings nicht von ihrem Kummer ablenken konnten. Sie entschied
-sich dazu nie wieder nachhause zurückzukehren. Schließlich hatte sie
-niemanden mehr. Das einzige Familienmitglied, das sie wirklich Familie
-nennen konnte, war der Hund. Mit dem Border Collie hatte sie jeden Tag
-gespielt und jede Nacht gekuschelt. Auch wenn die Besitzer jedes Spiel
-als Attentat interpretierten und immer wieder darüber diskutierten sie
-wegzugeben, wurden die Wunden der depressiven Katze von ihrem besten
-Freund geheilt. Nach einem unerwarteten Unfall nahm der Tod ihr
-allerdings auch dieses Glück weg. Es war nicht ihre erste Begegnung mit
-dem Tod. Wo immer sie auch hinging, nahm der maskierte Mann ihr die
-Liebsten weg. Sie flüchtete nun nicht, weil die Besitzer ihr die Schuld
-für den Tod des Hundes gaben, sondern weil sie es selber tat und sich
-endgültig isolieren wollte. Eine ältere Dame, überwältigt von der
-Hilflosigkeit der trauernden Katze, näherte sich vorsichtig an. Ehe die
-Katze es bemerkte, lief sie auch vom Viktualienmarkt weg und suchte ein
-Versteck.</p>
-<p>In der engen Einzimmerwohnung in der Eduard-Schmid-Straße angekommen,
-bemerkte Hana als erstes, dass ihr Vater weiterhin auf dem Boden vor dem
-Kühlschrank schlief und einen tödlichen Gestank annahm. Aus dem Schrank
-ihres Vaters nahm sie also einen beruhigenden Lavendel Parfum und
-sprühte das Flakon leer, sodass auch die Fliegen wegflogen. Dann stand
-sie endlich vor dem Schrank, wie die Isar es ihr empfohlen hatte, und
-wartete auf die Magie. Sie geduldete sich ein paar weitere Sekunden,
-doch sie wusste immer noch nicht, warum sie das rote Kleid ausgewählt
-hatte. Im Spiegel sah sie wie dreckig und unordentlich es geworden ist,
-was sie beunruhigte, da es das letzte Geschenk ihrer Mutter war. Zwar
-war ihr die Schule mittlerweile egal, doch zum Abschlussball wollte sie
-dennoch hingehen. Nach ein paar weiteren Versuchen, wo sie kräftig in
-Höchstleistung ihr Gehirn arbeiten ließ, lag sie sich erschöpft auf das
-Bett hin, welches sie sich ebenfalls mit ihrem Vater teilte.
-Gestreichelt von den warmen Sonnenstrahlen, schlief sie noch ein,
-während der Lavendelduft noch am Leben war, und träumte von einer
-schwarzen Maske.</p>
-<p>Bis zur Mittagsstunde verstärkte sich Edgars Selbstbewusstsein mit
-jedem vermeintlich sinnlosen Einkauf. Er ließ die Schaufensterpuppe, die
-seinem Ego genug gedient hatte, mitten auf der Straße liegen, sodass er
-beide Hände freihatte für seine Einkaufstüten. Eine beinhaltete
-zweihundertfünfzig Stück Stahlnägel, einen Klauenhammer und ein
-übertrieben langes Hanfseil. In der anderen Tüte trug er einen schwarzen
-Bademantel aus reiner Baumwolle und jede Menge Spielzeuge, die ihm
-vorher zu teuer erschienen. Schließlich war nicht nur sein Geldbeutel
-leer, sondern auch sein Konto. Am Viktualienmarkt angekommen, knurrte
-sein Magen bereits. In diesem Moment hinterfragte er einige
-Konsumentscheidungen. Von Stand zu Stand nahm sein Hunger zu, jedes
-kindliche Lächeln verführte ihn und die Verzweiflung über den Geldmangel
-für den Rest des Tages wuchs. Da bemerkte er eine junge Dame, deren
-Designerklamotten und Goldschmuck laut und deutlich nach Wohlstand
-schrien. Unauffällig fing er an sie zu verfolgen. Ständig überprüfte er
-die Menschenmenge um sich herum. Die Straßen waren an diesem
-wunderschönen Sommertag überfüllt. Die Sonne beobachtete das Geschehen.
-Sie rief den Regen und das Gewitter herbei.<br />
-»Hinterfrage nicht deinen Willen. Du hast es verdient«, flüsterte sie
-Edgar zu, bevor sie sich verabschiedete. Sofort wurde es leerer und auch
-die Frau, überrascht wie alle anderen, lief schneller. Edgar verfolgte
-sie weiter bis sie in einem Fußgängertunnel stehen blieb und das
-Unwetter abwartete. Er entpackte das Seil vorsichtig und näherte sich
-ihr an als sie sich plötzlich umdrehte.<br />
-»Das Wetter ist heutzutage ein wahres Hexenwerk, nicht wahr?«, sagte sie
-und schaute wieder raus ohne das Seil in seinen Händen bemerkt zu haben.
-Schockiert und erleichtert in derselben Sekunde wartete Edgar nicht
-länger und brachte das Seil um ihren Hals, um sie zu erwürgen, doch ein
-wütender Schrei eines Mannes und dessen Schritte hinter ihm, bezwangen
-seinen Mut. Er schubste die Dame auf den Boden und lief weg. All seine
-Einkäufe ließ er liegen und dabei bemerkte er nicht einmal, dass die
-schwachen Beine des alten Mannes ihn längst nicht mehr verfolgten.</p>
-<p>In einem ihr unbekannten Gebiet irgendwo in der Isarvorstadt
-versteckte sich die schwarze Katze unter einem Auto. Auch wenn die Kälte
-den Kampf gegen den Hunger schwieriger machte, fühlte sie sich im Regen
-wohler. Das traurige Wetter reflektierte ihre Gefühlslage haargenau und
-die leeren Straßen dämpften ihre Angst. Eigentlich wollte die Katze
-nicht einsam und alleine sein. Ihr ganzes Leben war sie auf der Suche
-nach Liebe und Zuneigung. Doch diese zu verlieren, schmerzte ihr mehr.
-Sie war darauf eingestellt bis zu ihrem Tod zu verhungern bis auf einmal
-eine dunkle Hand einen Napf mit Katzenfutter zu ihr stellte. Das kluge
-Tier war nicht dumm. Natürlich war es eine Falle. Allerdings konnte sie
-dem Geruch vom Huhn mit Distelöl nicht lange widerstehen. Nach einigen
-Minuten verlor sie die Geduld und genehmigte sich das Futter anzunehmen.
-Hastig verschlang sie eine Portion und genoss jeden Bissen. Als der
-Selbstlose den Napf nachfüllte, konnte sie ihn identifizieren und wich
-sofort zurück.<br />
-»Bitte lass mich in Ruhe«, miaute sie und ließ den maskierten Mann
-enttäuscht im Regen stehen. Wenn er weinen könnte, würde er es tun,
-während er über die früheren Begegnungen mit der Katze dachte. Die
-Sirenen eines Krankenwagens in der Nähe führten ihn zurück zu seiner
-Arbeit.</p>
-<p>»So einfach kann man sein Leben verschwenden«, war der erste Gedanke
-als Hana nachmittags aufwachte, nachdem die Türklingel endlich in ihren
-Ohren angekommen war. Sobald sie die Tür aufmachte, blickte die
-Nachbarin mit tränenden Augen zur Leiche und nahm Hana in die Arme. Mit
-einem Taschentuch hielt sie sich die Nase zu und beugte sich runter zu
-Hanas toten Vater.<br />
-»Jetzt verlässt <em>du</em> das arme Kind auch noch. Du musstest
-unbedingt dein ganzes Leben bis zum Tod mit Alkohol und Tabak
-verschwenden«, weinte die Grauhaarige und führte anschließend Hana zu
-ihrer Wohnung. Diesen Worten entnahm das Mädchen einen großen Hinweis.
-Der Weg zur Lösung leuchtete und auf einmal war alles einfach.<br />
-»Ruh dich hier aus, Schätzchen«, sagte die Nachbarin bevor sie sich dem
-Telefon wand. Der Tod des Vaters bereite der Tochter keinen Kummer.
-Stattdessen beschäftigten sich ihre Gedanken mit der endlich vollendeten
-Magie in ihrem Kopf.<br />
-»So einfach kann man sein Leben verschwenden«, wiederholte sie. Ihre
-Frage hatte eine Antwort gefunden. Sie erinnerte sich für wen sie das
-rote Kleid angezogen hat. Auch nur der Gedanke an diese tiefe,
-beruhigende Stimme, die sie gestern im Schlaf gehört hat, zersprengte
-fast ihren Körper, der mit Lust überfüllt war. Das Mädchen machte sich
-einen Bild von ihrem Traummann, der als einziger groß und breit genug
-war, um ihre versteckten Sorgen warm zu empfangen. Seine Wucht und
-Dominanz würden jede Nacht ihre Unsicherheiten auslöschen. Nicht mal
-seinen, von der schwarzen Maske überdeckten, Blick würde sie mit einer
-anderen Frau teilen wollen. Er gehörte ihr ganz alleine. Für ihn musste
-sie die Schönste sein. Einerseits konnte sie nicht glücklicher sein.
-Andererseits bereitete ihr der Zustand ihres Kleids umso mehr Sorgen.
-Begleitet von Blitz und Donner machte sich Hana erneut auf den Weg zur
-Isar, um ihr von ihrem baldigen Partner zu erzählen. Es war der Tod.</p>
-<p>Geplagt von den Enttäuschungen, die seine hohen Erwartungen für
-diesen letzten Tag, zertrümmerten, vergoss Edgar auf der
-Reichenbachbrücke wütende Tränen, die gemeinsam mit den Regentropfen in
-die Isar platschten. Am letzten Tag wollte er vergessen und nicht
-zurückhalten. Sein ganzes Leben unterrichtete er seinen Klassen, dass
-die Mathematik, trotz ihrer Macht und Richtigkeit, nicht alles
-beantworten konnte. Stets glaubte er an die Lücke im Determinismus und
-an die menschliche Fähigkeit den gutherzigen Weg zu wählen. Jedoch stieg
-seine verbotene Lust in gleichen Zügen. Als ihm schließlich bewusst
-wurde, dass er seinen letzten Tag erleben werde, fiel es ihm zu einfach
-den Glauben an einen Sinn der Moral zu verlieren. Noch war der Tag der
-Freiheit nicht zu Ende. Auch beruhigte ihn das Verständnis der Sonne.
-Allerdings fragte er sich, ob sie denn seinen tatsächlichen Willen
-kannte. Blitzschnell fand er darauf eine Antwort als er einem Blitz
-ausweichen musste.<br />
-»Die Königin weiß alles. Du sollst keine Angst haben«, zischte ein
-blauer Bote und verschwand. Die schwarze Katze, die an ihm vorbeiging,
-war zu verblendet von seiner Trauer, um seine unkontrollierbar steigende
-Wut zu sehen. Vielleicht verlor er ebenfalls einen Freund fürs Leben.
-Der Versuch, sich nicht in den möglichen Geschichten hinter diesem
-langen Gesicht zu verlieren, scheiterte nach wenigen Schritten. Sie
-blieb stehen. Die Katze versuchte weiter zu gehen, doch ihr Herz befahl
-ihr, ihm Gesellschaft zu leisten. Nicht zum ersten Mal gab sie aufgrund
-des Dranges, einer Person in Not helfen zu müssen, ihre Sturheit auf.
-Langsam kuschelte sie sich an das Bein und weckte damit Edgar von seinen
-beängstigenden Träumen auf. Beim ersten Kontakt spürten beide die Leere
-des Gegenübers. Die liebevollen grünen Augen der Katze durchdrangen das
-Herz des Mannes und konnten ihn für einen kurzen Augenblick von seinem
-Wahnsinn ablenken. Sie miaute zitternd nach seiner Aufmerksamkeit. Er
-hockte sich auf den nassen Boden hin und seine Krauler vom Kinn bis zum
-Ohr wurden mit dem beruhigenden Schnurren belohnt. Beim Wunschgedanken,
-der Katze etwas zu kaufen, erinnerte er sich an seine Situation und
-letztendlich gewann der Wahnsinn wieder die Oberhand als ausgerechnet in
-diesem Moment eine ehemalige Schülerin in einem roten Kleid in sein Auge
-fiel.<br />
-»Hana, was machst du hier? Zieh dir doch wenigstens eine Jacke an«,
-sagte die Isar, die ohnehin von einer Nachricht der Sonne bedrückt war,
-als die Träumende im nassen, teilweise zerrissenen Kleid zu ihr
-angerannt kam. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Die Breite ihres
-Lächelns ignorierte die Grenzen ihres Gesichts.<br />
-»Es ist der Tod, Isar. Ich habe die Antwort gefunden. Für den charmanten
-maskierten Mann habe ich das schöne Kleid angezogen«, rief Hana
-überwältigt von ihrer Sehnsucht. Die Isar wich zurück.<br />
-»Isar? Was ist denn? Kennst du etwa den Tod?«, fragte das junge Mädchen.
-Der Fluss schwieg.<br />
-»Machst du dir Sorgen wegen meinem Kleid? Wird es ihm nicht gefallen?«,
-fragte Hana. Nachdem sie keine Antwort erhalten hat, dachte sie kurz
-nach und plötzlich fing sie an den roten Stoff in Fetzen zu zerreißen
-bis die Regentropfen gierig an ihrer nackten Haut klebten und sie
-küssten. Mit dieser Reaktion hatte die Isar nicht gerechnet. So kannte
-sie Hana gar nicht. Sie wütete kreuz und quer, nachdem sie nun ihre
-einzige Ablenkung von der demütigenden Arbeit verloren hatte.<br />
-»Sieh mich an. Das wird ihm doch sicher gefallen. Jetzt muss ich ihn nur
-noch hierher bringen«, lachte Hana und bemerkte bei ihrem Freudentanz im
-Regen nicht die hungrige Bestie hinter ihm. Alle falschen Gedanken, die
-Edgar jahrelang in den Unterrichtsstunden unterdrückte, strömten von der
-Kammer im Gehirn zu seinem spitzen Schwert zwischen den Beinen runter.
-Aus seinem Mund goss der Überfluss an Lust hinaus. Auch er entkleidete
-sich und schärfte seine Klinge. Die Katze, die ihm folgte, sah den
-Wandel nicht kommen. Wieder einmal bestrafte das Leben ihren hart
-erkämpften Glauben an eine bessere Zeit. Sie befürchtete die Ankunft
-einer ungewollten Bekanntschaft und so drehte sie sich um bevor sich
-Edgar auf seine Beute stürzte. Das wilde Tier packte Hana von hinten und
-warf sie auf den Boden. Er verschlang genüsslich den Nacken, ging den
-Rücken entlang runter und hielt mit aller Kraft ihren Mund zu. Wenn auch
-kein Wort von ihrer kleinen Freundin kam, reichten die Laute der Bestie
-aus, die Isar zu alarmieren. Sie sammelte ihre Kraft als Edgar Hanas
-Wundpunkt abtastete, um sie zu erstechen, doch erschrak sich beim
-Einschlag eines Blitzes.<br />
-»Du hältst dich erstmal raus«, übermittelte der Bote den Befehl der
-Königin und instinktiv blieb der Fluss stehen.<br />
-»Mama! Papa soll aufhören! Sag Papa, dass er aufhören soll!«, schrie das
-arme Mädchen, dass Edgars haarigen Finger weg biss, während das Schwert
-einstach. Diese Worte verdeutlichten mit der Nachricht der Sonne
-zusammen die Befürchtungen der Isar, die den Schmerz, nichts tun zu
-können, verschlimmerten. Sie musste zusehen wie Edgar seine Waffe
-hineindrückte. Der ewig blockierte Weg zum Glück war für Edgar geöffnet.
-Er wollte mehr und stach weitere Male ein in das hilflose Opfer, das mit
-diesen Niederlagen schon siebzehn Jahre lang vertraut war. Nichts hielt
-Edgars Rausch auf bis er in seiner linken Pobacke einen Biss spürte. Es
-war ein winziger, aber deutlich störender Schmerz. Als er endlich
-aufstand, war sein mächtiges Schwert zu abgeschwächt und verlor den
-Kampf gegen die Krallen der schwarzen Katze. Die Enttäuschung in den
-grüngelben Augen hinterfragten den Wert seiner Befriedigung. Ein
-erneuter Angriff zwang ihn zu Boden. Sein letzter Gedankenschritt
-bemerkte die Kurzfristigkeit seines heiß erwarteten Glücks. Hana
-schnappte den nächsten handgroßen Stein und zerschmetterte damit das
-Schwert endgültig. Während ihr Gehirn alte Erinnerungen verarbeitete,
-demolierte sie Edgars Gesicht. Das Blut spritzte auf das schwarze Fell
-und wie er es erwartet hatte, lebte der einst begeisterte Mathelehrer
-seinen letzten Tag zu Ende. Wer genau lauschte, konnte das Lachen der
-Sonne hören. Hana hörte aber nicht auf. Die Katze spürte einen kalten
-Schauer über den Rücken laufen, als Hana aus dem Nichts wahnsinnig
-glücklich lachte. Mittendrin änderte sich ihre Motivation hinter den
-Schlägen. Und wie sie es sich erhoffte, umfasste eine große dunkle Hand
-ihre Taille und trug sie zur Seite.<br />
-»Es reicht«, sagte die riesige Gestalt und setzte sich zur Leiche hin.
-Seine erdnahe Stimme berührte Hanas Wundpunkt zärtlich und heilte die
-Schmerzen. Die Schwertscheide war überzeugt endlich das richtige Schwert
-gefunden zu haben. Der maskierte Mann übertraf Hanas Vorstellungen.
-Selbst im Sitzen war er doppelt so groß wie sie und seine breiten
-Schultern hätten für sie ein Bett sein können. Der Bau des Todes war
-nicht mit Männern zu vergleichen. Während der Tod nach einem passenden
-Stein suchte, malte sich das Mädchen alle möglichen Bilder ihrer Zukunft
-mit ihm aus.<br />
-»Du hattest gestern und auch gerade eben deine Gründe. Aber du musst
-aufhören, Kind«, erzählte er vor sich hin und übertrug die Seele Edgars
-in einen Stein. Die Isar war überrascht und verwirrt. Sonst hatte der
-Tod noch nie seine Meinung zu einem Mörder geäußert und das sollte er
-auch nicht. Umso überraschter war sie, als Hana den Tod von hinten
-bekletterte und umarmte. Doch sofort warf er sie zur Seite.<br />
-»Tut mir leid, aber das kannst du nicht machen«, sagte er.<br />
-»Nein, entschuldige dich nicht. Schubs mich. Stoß mich. Schlag mich tot
-und nimm mich mit«, antwortete sie und bekletterte ihn von vorne. Sie
-drückte sein Gesicht in ihren blutbeschmierten Bußen und versuchte dabei
-seine Maske abzunehmen und wieder warf er sie zur Seite, aber erheblich
-rücksichtsloser.<br />
-»Dummes Kind! Red keinen Unsinn«, schimpfte er. Er nahm seinen Umhang ab
-und wickelte sie darin ein. So sehr auch diese kalte Wärme ihren Körper
-erregte, fühlte sie sich diesmal vom Charme des Todes beleidigt.<br />
-»Das ist kein Unsinn. Töte mich sofort und nimm mich mit. Ich will dich
-jede Nacht in mir spüren«, schmollte das Kind zunächst vor sich hin bis
-sie den Zorn des Todes spürte. Seine Aura vergrößerte sich und nahm eine
-unausgeglichene Farbe an, mit der nicht einmal die Isar bisher vertraut
-war. Hana bekam Angst und ehe der Regen sich langsam zurückzog, waren
-auch ihre Tränen zu sehen, jedoch reichte es nicht aus, ihren fest
-verbauten Wunsch im Herzen abzuschrecken. Sie wartete weiter auf den
-Todesschlag. Vermeintlich unbekümmert schloss der maskierte Mann die
-Übertragung der Seele ab, bevor er anschließend den Stein in die Isar
-warf. Der letzte Blitz schlug neben ihr ein. So schwer es ihr auch fiel,
-schleuderte die Isar sich schwungvoll auf ihre kleine Freundin schneller
-als es der Tod merken konnte und entführte sie ins Wasser. Auch Hana,
-qualvoll von der Isar erwürgt, konnte sich vom Wahnsinn in ihren letzten
-Sekunden befreien, als es schon zu spät war. Machtlos fiel der maskierte
-Mann auf die Knie und beneidete die Lebenden um die Fähigkeit zu
-sterben.<br />
-»Ich kann nichts machen. Ich kann es nicht stoppen, liebe Katze. Es tut
-mir leid«, weinte der Tod ohne Tränen.<br />
-»Nein. Entschuldige dich nicht. <em>Du</em> tust mir leid«, sagte sie
-und legte sich neben ihm auf den Rücken. Verhungernd und erschöpft vom
-Kampf besaß sie ebenfalls nicht die Kraft zu weinen. Er kraulte ihr den
-Bauch und wartete auf den Sonnenaufgang bis er zu guter Letzt der
-beschämten Isar die Seele der schwarzen Katze übergab.</p>
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- <footer>
- Vithuran Vishnuthas &copy; 2022 - 2023
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