Writer V2

Vithuran Vishnuthas

Mit gutem Gewissen

Download PDF

Es war an einem kalten Winterabend als mein alter Freund mit den leuchtend blauen Augen das letzte Mal das Grab seiner Geliebten mit Tränen begoss. Sein Herz war abgebrannt. Es war kalt und unbewohnbar. Dennoch blieb es das Zuhause von Rina. Leon und ich wollten sie niemals gehen lassen. Zumindest dachte ich, dass wir einer Meinung waren. Nach ihrem grauenvollen Tod war Leon in Trauer und Wut gefangen. Ich fing an, ihn durch die schönsten Erinnerungen seiner Liebsten zu begleiten. Nächte, an denen sie nur sich gegenseitig hatten, heilten seine Wunden. Er wäre zu gerne bis zum Ende seines Lebens in seinen Träumen weiter gewandert. Einer der Mitarbeiter tippte Leon an und deutete ungeduldig auf die Uhrzeit.
»Ich werde dich rächen, Rina«, flüsterte Leon bevor er sich auf den Weg nach Hause machte. In diesem Moment, als ich mir ein Bild des uns beiden bekannten Mörders machte, nahm ich endlich Leons hinterlistigen Zauber wahr, doch es war zu spät.

Während das warme Wasser Leons Kopf in der Dusche massierte, hatte er wieder nur Rina im Kopf. Ich wusste, dass es so nicht weiter gehen konnte. Also versuchte ich ihm auch andere Bilder der Vergangenheit zu zeigen. Allerdings war sein Zauber zu mächtig und er konnte jedes Bild ohne Anstrengungen abwehren. Als es an der Tür klopfte, kam er zurück zur Realität, auch wenn es nur seine Realität war.
»Wie lange noch, Leon? Sonst pisse ich auf den Boden hier«, scherzte sein Mitbewohner Erwin, der von der Arbeit gekommen war.

Erwin stürmte ins Badezimmer, sobald die Tür aufging. Mehr oder weniger urinierte er tatsächlich auf den Boden. Und wieder einmal durfte Leon danach sauber machen. Eigentlich hasste Leon seinen Mitbewohner. Vor allem seit Rinas Tod mied er ihn. Doch seit einigen Tagen löste sich der Hass auf magischer Weise auf. Ich verstand es zuerst nicht. Ohne die Augenbinde macht natürlich alles Sinn. Leon brachte seinem Kumpel eine Schüssel heiße Tomatensuppe zum Tisch. Erwin nahm Leons Wandel zunächst dankend an. Nichtsdestotrotz kam an diesem Abend Erwin mit schlechten Neuigkeiten nachhause.
»Danke, aber ich muss etwas mit dir besprechen, Leon«, sagte Erwin in einem ernsteren Ton. Und so setzte sich Leon auch mit einer Schüssel zu ihm.
»Ich komme gleich zur Sache. Da wir uns in letzter Zeit besser verstehen und ich heute früher Feierabend hatte, wollte ich dich von deiner Arbeit abholen kommen«, schilderte Erwin. Leon verstand direkt, worum es geht. Er wusste aber auch, dass er das nicht verstehen sollte. Nervös fing er an schneller zu essen mit gesenkten Blick.
»Ich bin nicht sauer auf dich. Ich wünschte nur, dass du mir früher die Wahrheit gesagt hättest. Wann wurdest du denn gekündigt?«, fragte Erwin. Leon fiel ein Stein vom Herzen. Erwin servierte selber die Lüge auf dem Silbertablett. Auch nach so vielen Jahren wagte er es nie zu bezweifeln, ob Leon tatsächlich dort arbeitete. Vor Erleichterung brach Leon in Tränen aus. Erwin legte seinen Arm um Leons Schulter.
»Mensch! Das ist doch kein Weltuntergang!«, tröstete Erwin seinen Kumpel und glaubte es ginge nur um eine Kündigung. Es ging aber auch nicht um die Lügen gegenüber Erwin, sondern um die gegenüber Leon selber. Die Gegenwart Erwins war die kleine Lücke in Leons Zauber, die ich sofort ausnutzen wollte, ohne groß nachzudenken. Während die beiden anfingen über Leons Zukunft zu plaudern, malte ich immer wieder den Kuss nach, der die Sperre durchbrechen würde. Leon fasste sich an den Kopf. Es schmerzte. Sein Oberteil war durchnässt vom Schweiß. Er versuchte mit aller Mühe die Erinnerung anzukämpfen. Plötzlich haute er auf den Tisch, warf die Schüsseln um und schubste Erwin weg. Leons Schrei entflammte die dunkle Energie um ihn herum. Zitternd schaute Erwin von seinem in roter Tomatensoße ertränkten Hemd hinauf zu Leons tödlichen Augen. Ich sah keine andere Optionen und hielt es für die einzige Möglichkeit, doch letztendlich vollendete ich die Spaltung.

Nach einem langen Schlaf frühstückte Leon morgens alleine. Er schaute kurz in Erwins Zimmer rein. Sein Kumpel schlief tief und fest. Leon glaubte, dass der Arme vermutlich wegen der Suppe nicht gescheit schlafen konnte. Irgendwas sei falsch mit ihr gewesen. Schließlich ging es ihm selber auch fürchterlich. Also marschierte er an diesem sonnigen Sommertag sofort zur naheliegenden Apotheke los.

Auf dem Weg erwartete ihn jedoch eine Überraschung. Sie war die letzte Person, die er sehen wollte. Bevor er sie sah, konnte er sich nicht mal an sie erinnern.
»Leon. Ich muss unbedingt mit dir reden!«, rief Tomiko. Leon drehte sich sofort um. Niemanden hasste Leon so sehr wie Rinas Schwester. Ständig versuchte sie das glückliche Liebespaar auseinander zu bringen. Sie war bestimmt neidisch. Rina war schöner in den Augen aller Männer, die Augen besaßen. Seit der Beerdigung hatte Leon Tomiko nicht mehr gesehen.
»Du kannst mir nicht länger ausweichen!«, brüllte Tomiko. Leon lief weg als würden die Hexer des Lichts ihn verfolgen.
»Ich weiß, dass du es warst…und wenn du nicht mit mir redest, dann rede ich mit der Polizei«, sagte Tomiko. Instinktiv blieb Leon stehen. Was soll er gewesen sein? Er verstand überhaupt nicht, was sie meinte. Er hatte das fertige Puzzle vor sich, doch er konnte das ganze Bild immer noch nicht erkennen. Es fehlten ihm weitere Bilder für den Kontext. Nach meinem großen Fehler, war ich mir nicht sicher, ob ich diese Möglichkeit ausnutzen sollte. Leon drehte sich langsam um.
»Rina! Nein!«, schrie Leon erschrocken beim Anblick von Tomiko, die plötzlich von quälenden Flammen umgeben war und nach wenigen Millisekunden als ein paar Milligram Asche dem Wind folgte. Was ist geschehen? Er hörte das Lachen eines schadenfrohen Dämons. Hinter dem Schaufenster eines abgeschlossenen Ladens grinste ein alter Mann und spielte amüsiert mit seinen Flammen. Leon erkannte die blutroten Augen wieder.
»Schön dich wiederzusehen, Leon«, sagte der Mörder von Rina. Wut entfesselte Leons Kräfte, die lange verborgen waren. Er hämmerte aufs Glas, während der alte Mann provozierend lachte und mit nur drei Schlägen zerschmetterte Leon das Schaufenster, woraufhin die verlorenen Erinnerungen, die sich ihm annäherten, wieder einen Schritt zurück machten. Mit von Hass und Mordlust aufgeladener Faust sprang Leon in den Laden rein, um endlich seine Rina zu rächen. Doch der Mörder war nicht mehr im Blickwinkel. Leon konnte immer noch das grässliche Lachen des alten Mannes hören. Und dann machte es Klick. Tatsächlich war der Mann mit den roten Augen nicht im Laden, sondern versteckte sich im Spiegelbild.
»Das sollte doch für den großen Hexer der Flamme keine Herausforderung sein, nicht wahr?«, spottete er. Tatsächlich gelang es Leon den blutrünstigen Mörder aus dem Spiegelbild herauszuziehen. Er zwang den Mann auf die Knie. Um nun endlich Rache schmecken zu dürfen, lud er seine Faust nochmal mit Flammen auf. Und als er auf diese Flammenfaust blickte, durchbrach das Bild, welches ich ihm gerade malte, die Sperre seines Zaubers endgültig. Verstummt setzt sich Leon auf den Boden und hört mir endlich zu.
»Halt deine verfluchte Klappe!«, brüllt der alte Herr mich an.
»Hör nicht auf diese Labertasche. Bring mich um, Leon!«, fordert er seine andere Hälfte auf. Doch Leon ist frei vom Zauber. Das blutige rot vermischt sich mit dem unschuldigen blau. Leon erinnert sich an die Wahrheit.

Tomiko wollte schon immer Leon von Rinas Treulosigkeit überzeugen. Eines Tages hatte sie sogar Beweise dabei. Aber auch den Fotos wollte Leon nicht glauben. Er überprüfte die Sache auf eigene Hand. Er log, dass er eine Woche auf Geschäftsreise gehen musste und verwandelte sich in dieser Zeit in seine natürliche Gestalt. Als der winzige Feuerdrache fing Leon an Rina zu verfolgen. Er fühlte sich dabei sehr schlecht, da er Rina vertraute. Doch bereits am ersten Tag sah er den Mistkerl mit ihr. Er verfolgte die beiden vom Park bis ins Zimmer von Rina. Ich hatte Angst. Ich war von dunkler Energie umhüllt als Leon zusehen musste wie Rinas Körper sich unter der Dusche an Erwins Körper wälzte und dieses Tier ihre Lippen verschlang. Er verstand gar nichts mehr. War alles eine Lüge? Auch ich weiß bis heute nicht die Antwort auf diese Frage. Trotzdem wand Leon den Blick bis zum Ende nicht ab. Mit jedem Stoß baute sich immer mehr Hass um mich herum auf und mit aller Kraft verteidigte ich Rinas Zimmer in mir. Allerdings nahm die dunkle Energie langsam die Form von Flammen an. Ich war zu schwach. Erwin hatte Glück gehabt. Genau nachdem er sich mit einem Kuss von ihr verabschiedet hatte, brannte Rinas Zimmer in mir ab. Leon verwandelte sich zurück.
»Und ich dachte, ich wäre das Arschloch gewesen«, murmelte Leon vor sich hin und erschrak Rina.
»Leon? Was machst du hier?«, stotterte sie bevor Leon mit seiner Flammenfaust auf sie einprügelte. Ich konnte ihn auch nicht mehr davon abhalten. Er hörte nicht auf bis ihr die Hitze nicht mehr schmerzte. Ich wagte es mit ihr zu sterben und Leon herzlos alleine zu lassen. Ich drückte die übrig gebliebene Liebe für Rina zu mir und ich ließ nicht los, denn auch ihr Betrug verleugnete nicht ihren positiven Einfluss auf das Leben eines vorher brandgefährlichen Terroristen. Als Leon sich temporär gesättigt einen Moment nahm, den Anblick der brennenden Leiche zu genießen, konnte er nur noch weinen.

Es tut mir leid, Leon. Vielleicht war alles mein Fehler. Verblendet von meinem eigenen Schmerz, malte ich dir ständig die schönsten Erinnerungen von Rina. Ich konnte nicht zulassen, dass die bittere Wahrheit die Überhand gewinnt und deine Rage weitere Opfer hervorbringt. Es hat uns beide geheilt. Aber du wolltest für immer in diesem Paradies weiter leben. Deswegen hast du selber mit einem verbotenen Zauber deinen Schmerz und deine Schuld von dir abgespalten. Du wolltest als Leon mit den leuchtend blauen Augen den Leon mit den blutig roten Augen vernichten und mit einem guten Gewissen sterben. In Wirklichkeit hast du nur dich selber betrogen, da ein Teil von dir jahrelang mit dem Schmerz alleine weiter leben musste und auf den Gnadenstoß wartete.

Mit dem Zerfall des Zaubers ist Leon für die Hexer des Lichts wieder sichtbar geworden. Sie treffen noch vor der Polizei ein. Hinter Gitter wird er ohne seine magischen Kräfte verrotten. Einerseits ist sein Plan ist gescheitert. Andererseits konnte der Schaden nicht verhindert werden. Leon und ich, sein Herz, haben beide verloren.