Writer V2

Vithuran Vishnuthas

Wege zum Tod

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Am farbenfrohen Morgen ihres letzten Tages saß die siebzehnjährige Hana im Blickwinkel der selbstbewussten Sonne am Isarufer in einem roten Ballkleid. Ihre kurzen schwarzen Haare tanzten zum angenehmen Gesang des Windes mit. Weder die zwei Möwen neben ihr, die weggeworfene Tüten nach Essen absuchten, noch die laute Schlagermusik oben auf der Reichenbachbrücke, weckten sie beim Tagträumen auf. In ihren chaotischen Gedanken suchte sie nach einer Antwort auf die Frage, die in ihrem Gehirn eingenistet war. Auf ihrem leicht geschminkten Gesicht vermehrten sich die Fragezeichen bis kein Platz mehr übrig war und ihre natürliche Röte das Rouge übertönte. Die Isar kicherte vergnügt.
»Du siehst ja heute wunderschön aus. Gibt es einen speziellen Anlass?«, fragte sie. Der Fluss, der das Leben der Münchener hin und auswendig kennt, hat für Hana einen besonderen Platz im Herzen.
»Ich frage mich selber die ganze Zeit warum ich es heute angezogen habe«, beklagte Hana und fasste sich an den Kopf.
»Hast du mal die Entscheidung nachgespielt?«, fragte die Isar. Die Sonne musste lachen beim Anblick des verwirrten Blicks, der als eine Antwort reichte. Gerade diese naive Leichtigkeit des Mädchens lösten beim täglichen Quatschen die ältesten Probleme der Isar auf, wenn auch nur für den Moment.
»Du könntest dich wieder vor deinen Kleiderschrank stellen, sodass du die möglichen Einflüsse nochmal wahrnehmen kannst«, erklärte die Isar ausführlicher. Konzentriert schaute Hana in die Ferne und verarbeitete die Worte des Flusses bis sie vor Freude aufsprang und damit die Möwen verscheuchte.
»Das ist eine geniale Idee …Mit dem Kleiderschrank von Papa funktioniert das auch, oder?«, fragte sie zögerlich. Der große Stern am Himmel lachte das Kind weiter aus.
»Wenn da das Kleid drinnen war, ja«, antworte die Isar geduldig. Sofort machte sich Hana auf den Weg nachhause.

Im Gegensatz zu Hana, wusste Edgar bereits, dass es sein letzter Tag sein wird. Niemand prophezeite ihm diese Wahrheit. Es war ihm grundlos selbstverständlich. Der Mann, der normalerweise jeden Morgen gepflegt und vorbereitet als Erster in der Schule erschien, um etlichen Klassen die Kunst der Mathematik einzutrichtern, spazierte unbekümmert am Marienplatz in seinem grauen karierten Pyjama, nachdem er seinen Bauch in seinem Lieblingslokal gefüllt hatte. Vor dem Tod wollte er noch seinen Geldbeutel zu seinem Vergnügen entleeren. Ein Drei-Gänge-Menü zum Frühstück sättigte zwar einen Hunger, aber nicht den anderen Hunger. Er betrat ein kleines Modegeschäft, welches im Schaufenster eine schwarze Lederjacke für Frauen präsentierte. Es war allerdings nicht die Jacke, die sein Interesse gewann. Vor sich hin murmelnd studierte er seine Frage ein, bevor er sich zur Kasse begab.
»Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Kassiererin. Die Wörter, die ihm auf der Zunge lagen, schluckte er beim Lachen wieder runter. Bei jedem Ansatz fing er erneut an zu lachen. Schließlich zeigte er auf die schwarze Lederjacke.
»Möchten Sie die Jacke kaufen?«, vergewisserte sich die Kassiererin. Er schüttelte den Kopf.
»Nein, aber wie viel kostet die Schaufensterpuppe?«, quietschte er aus seinen zitternden Lippen raus bevor er sich seine Seele schlapp lachte. Es dauerte ein wenig bis er merkte, dass weder die Kassiererin, noch die anderen Kunden in der Schlange, seinen Humor schätzten. Dieser peinliche Moment sollte dem sterbenden Mann eigentlich nichts bedeuten. Dennoch stampfte er wütend raus und betrat die gegenüberliegende Boutique, wo er tatsächlich eine Schaufensterpuppe zu einem Preis von zehn Lederjacken kaufen durfte.

Etwa fünf Minuten südöstlich von ihm entfernt, bestaunte am Viktualienmarkt eine hungrige schwarze Katze die leckeren Gerüche, die sie allerdings nicht von ihrem Kummer ablenken konnten. Sie entschied sich dazu nie wieder nachhause zurückzukehren. Schließlich hatte sie niemanden mehr. Das einzige Familienmitglied, das sie wirklich Familie nennen konnte, war der Hund. Mit dem Border Collie hatte sie jeden Tag gespielt und jede Nacht gekuschelt. Auch wenn die Besitzer jedes Spiel als Attentat interpretierten und immer wieder darüber diskutierten sie wegzugeben, wurden die Wunden der depressiven Katze von ihrem besten Freund geheilt. Nach einem unerwarteten Unfall nahm der Tod ihr allerdings auch dieses Glück weg. Es war nicht ihre erste Begegnung mit dem Tod. Wo immer sie auch hinging, nahm der maskierte Mann ihr die Liebsten weg. Sie flüchtete nun nicht, weil die Besitzer ihr die Schuld für den Tod des Hundes gaben, sondern weil sie es selber tat und sich endgültig isolieren wollte. Eine ältere Dame, überwältigt von der Hilflosigkeit der trauernden Katze, näherte sich vorsichtig an. Ehe die Katze es bemerkte, lief sie auch vom Viktualienmarkt weg und suchte ein Versteck.

In der engen Einzimmerwohnung in der Eduard-Schmid-Straße angekommen, bemerkte Hana als erstes, dass ihr Vater weiterhin auf dem Boden vor dem Kühlschrank schlief und einen tödlichen Gestank annahm. Aus dem Schrank ihres Vaters nahm sie also einen beruhigenden Lavendel Parfum und sprühte das Flakon leer, sodass auch die Fliegen wegflogen. Dann stand sie endlich vor dem Schrank, wie die Isar es ihr empfohlen hatte, und wartete auf die Magie. Sie geduldete sich ein paar weitere Sekunden, doch sie wusste immer noch nicht, warum sie das rote Kleid ausgewählt hatte. Im Spiegel sah sie wie dreckig und unordentlich es geworden ist, was sie beunruhigte, da es das letzte Geschenk ihrer Mutter war. Zwar war ihr die Schule mittlerweile egal, doch zum Abschlussball wollte sie dennoch hingehen. Nach ein paar weiteren Versuchen, wo sie kräftig in Höchstleistung ihr Gehirn arbeiten ließ, lag sie sich erschöpft auf das Bett hin, welches sie sich ebenfalls mit ihrem Vater teilte. Gestreichelt von den warmen Sonnenstrahlen, schlief sie noch ein, während der Lavendelduft noch am Leben war, und träumte von einer schwarzen Maske.

Bis zur Mittagsstunde verstärkte sich Edgars Selbstbewusstsein mit jedem vermeintlich sinnlosen Einkauf. Er ließ die Schaufensterpuppe, die seinem Ego genug gedient hatte, mitten auf der Straße liegen, sodass er beide Hände freihatte für seine Einkaufstüten. Eine beinhaltete zweihundertfünfzig Stück Stahlnägel, einen Klauenhammer und ein übertrieben langes Hanfseil. In der anderen Tüte trug er einen schwarzen Bademantel aus reiner Baumwolle und jede Menge Spielzeuge, die ihm vorher zu teuer erschienen. Schließlich war nicht nur sein Geldbeutel leer, sondern auch sein Konto. Am Viktualienmarkt angekommen, knurrte sein Magen bereits. In diesem Moment hinterfragte er einige Konsumentscheidungen. Von Stand zu Stand nahm sein Hunger zu, jedes kindliche Lächeln verführte ihn und die Verzweiflung über den Geldmangel für den Rest des Tages wuchs. Da bemerkte er eine junge Dame, deren Designerklamotten und Goldschmuck laut und deutlich nach Wohlstand schrien. Unauffällig fing er an sie zu verfolgen. Ständig überprüfte er die Menschenmenge um sich herum. Die Straßen waren an diesem wunderschönen Sommertag überfüllt. Die Sonne beobachtete das Geschehen. Sie rief den Regen und das Gewitter herbei.
»Hinterfrage nicht deinen Willen. Du hast es verdient«, flüsterte sie Edgar zu, bevor sie sich verabschiedete. Sofort wurde es leerer und auch die Frau, überrascht wie alle anderen, lief schneller. Edgar verfolgte sie weiter bis sie in einem Fußgängertunnel stehen blieb und das Unwetter abwartete. Er entpackte das Seil vorsichtig und näherte sich ihr an als sie sich plötzlich umdrehte.
»Das Wetter ist heutzutage ein wahres Hexenwerk, nicht wahr?«, sagte sie und schaute wieder raus ohne das Seil in seinen Händen bemerkt zu haben. Schockiert und erleichtert in derselben Sekunde wartete Edgar nicht länger und brachte das Seil um ihren Hals, um sie zu erwürgen, doch ein wütender Schrei eines Mannes und dessen Schritte hinter ihm, bezwangen seinen Mut. Er schubste die Dame auf den Boden und lief weg. All seine Einkäufe ließ er liegen und dabei bemerkte er nicht einmal, dass die schwachen Beine des alten Mannes ihn längst nicht mehr verfolgten.

In einem ihr unbekannten Gebiet irgendwo in der Isarvorstadt versteckte sich die schwarze Katze unter einem Auto. Auch wenn die Kälte den Kampf gegen den Hunger schwieriger machte, fühlte sie sich im Regen wohler. Das traurige Wetter reflektierte ihre Gefühlslage haargenau und die leeren Straßen dämpften ihre Angst. Eigentlich wollte die Katze nicht einsam und alleine sein. Ihr ganzes Leben war sie auf der Suche nach Liebe und Zuneigung. Doch diese zu verlieren, schmerzte ihr mehr. Sie war darauf eingestellt bis zu ihrem Tod zu verhungern bis auf einmal eine dunkle Hand einen Napf mit Katzenfutter zu ihr stellte. Das kluge Tier war nicht dumm. Natürlich war es eine Falle. Allerdings konnte sie dem Geruch vom Huhn mit Distelöl nicht lange widerstehen. Nach einigen Minuten verlor sie die Geduld und genehmigte sich das Futter anzunehmen. Hastig verschlang sie eine Portion und genoss jeden Bissen. Als der Selbstlose den Napf nachfüllte, konnte sie ihn identifizieren und wich sofort zurück.
»Bitte lass mich in Ruhe«, miaute sie und ließ den maskierten Mann enttäuscht im Regen stehen. Wenn er weinen könnte, würde er es tun, während er über die früheren Begegnungen mit der Katze dachte. Die Sirenen eines Krankenwagens in der Nähe führten ihn zurück zu seiner Arbeit.

»So einfach kann man sein Leben verschwenden«, war der erste Gedanke als Hana nachmittags aufwachte, nachdem die Türklingel endlich in ihren Ohren angekommen war. Sobald sie die Tür aufmachte, blickte die Nachbarin mit tränenden Augen zur Leiche und nahm Hana in die Arme. Mit einem Taschentuch hielt sie sich die Nase zu und beugte sich runter zu Hanas toten Vater.
»Jetzt verlässt du das arme Kind auch noch. Du musstest unbedingt dein ganzes Leben bis zum Tod mit Alkohol und Tabak verschwenden«, weinte die Grauhaarige und führte anschließend Hana zu ihrer Wohnung. Diesen Worten entnahm das Mädchen einen großen Hinweis. Der Weg zur Lösung leuchtete und auf einmal war alles einfach.
»Ruh dich hier aus, Schätzchen«, sagte die Nachbarin bevor sie sich dem Telefon wand. Der Tod des Vaters bereite der Tochter keinen Kummer. Stattdessen beschäftigten sich ihre Gedanken mit der endlich vollendeten Magie in ihrem Kopf.
»So einfach kann man sein Leben verschwenden«, wiederholte sie. Ihre Frage hatte eine Antwort gefunden. Sie erinnerte sich für wen sie das rote Kleid angezogen hat. Auch nur der Gedanke an diese tiefe, beruhigende Stimme, die sie gestern im Schlaf gehört hat, zersprengte fast ihren Körper, der mit Lust überfüllt war. Das Mädchen machte sich einen Bild von ihrem Traummann, der als einziger groß und breit genug war, um ihre versteckten Sorgen warm zu empfangen. Seine Wucht und Dominanz würden jede Nacht ihre Unsicherheiten auslöschen. Nicht mal seinen, von der schwarzen Maske überdeckten, Blick würde sie mit einer anderen Frau teilen wollen. Er gehörte ihr ganz alleine. Für ihn musste sie die Schönste sein. Einerseits konnte sie nicht glücklicher sein. Andererseits bereitete ihr der Zustand ihres Kleids umso mehr Sorgen. Begleitet von Blitz und Donner machte sich Hana erneut auf den Weg zur Isar, um ihr von ihrem baldigen Partner zu erzählen. Es war der Tod.

Geplagt von den Enttäuschungen, die seine hohen Erwartungen für diesen letzten Tag, zertrümmerten, vergoss Edgar auf der Reichenbachbrücke wütende Tränen, die gemeinsam mit den Regentropfen in die Isar platschten. Am letzten Tag wollte er vergessen und nicht zurückhalten. Sein ganzes Leben unterrichtete er seinen Klassen, dass die Mathematik, trotz ihrer Macht und Richtigkeit, nicht alles beantworten konnte. Stets glaubte er an die Lücke im Determinismus und an die menschliche Fähigkeit den gutherzigen Weg zu wählen. Jedoch stieg seine verbotene Lust in gleichen Zügen. Als ihm schließlich bewusst wurde, dass er seinen letzten Tag erleben werde, fiel es ihm zu einfach den Glauben an einen Sinn der Moral zu verlieren. Noch war der Tag der Freiheit nicht zu Ende. Auch beruhigte ihn das Verständnis der Sonne. Allerdings fragte er sich, ob sie denn seinen tatsächlichen Willen kannte. Blitzschnell fand er darauf eine Antwort als er einem Blitz ausweichen musste.
»Die Königin weiß alles. Du sollst keine Angst haben«, zischte ein blauer Bote und verschwand. Die schwarze Katze, die an ihm vorbeiging, war zu verblendet von seiner Trauer, um seine unkontrollierbar steigende Wut zu sehen. Vielleicht verlor er ebenfalls einen Freund fürs Leben. Der Versuch, sich nicht in den möglichen Geschichten hinter diesem langen Gesicht zu verlieren, scheiterte nach wenigen Schritten. Sie blieb stehen. Die Katze versuchte weiter zu gehen, doch ihr Herz befahl ihr, ihm Gesellschaft zu leisten. Nicht zum ersten Mal gab sie aufgrund des Dranges, einer Person in Not helfen zu müssen, ihre Sturheit auf. Langsam kuschelte sie sich an das Bein und weckte damit Edgar von seinen beängstigenden Träumen auf. Beim ersten Kontakt spürten beide die Leere des Gegenübers. Die liebevollen grünen Augen der Katze durchdrangen das Herz des Mannes und konnten ihn für einen kurzen Augenblick von seinem Wahnsinn ablenken. Sie miaute zitternd nach seiner Aufmerksamkeit. Er hockte sich auf den nassen Boden hin und seine Krauler vom Kinn bis zum Ohr wurden mit dem beruhigenden Schnurren belohnt. Beim Wunschgedanken, der Katze etwas zu kaufen, erinnerte er sich an seine Situation und letztendlich gewann der Wahnsinn wieder die Oberhand als ausgerechnet in diesem Moment eine ehemalige Schülerin in einem roten Kleid in sein Auge fiel.
»Hana, was machst du hier? Zieh dir doch wenigstens eine Jacke an«, sagte die Isar, die ohnehin von einer Nachricht der Sonne bedrückt war, als die Träumende im nassen, teilweise zerrissenen Kleid zu ihr angerannt kam. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Die Breite ihres Lächelns ignorierte die Grenzen ihres Gesichts.
»Es ist der Tod, Isar. Ich habe die Antwort gefunden. Für den charmanten maskierten Mann habe ich das schöne Kleid angezogen«, rief Hana überwältigt von ihrer Sehnsucht. Die Isar wich zurück.
»Isar? Was ist denn? Kennst du etwa den Tod?«, fragte das junge Mädchen. Der Fluss schwieg.
»Machst du dir Sorgen wegen meinem Kleid? Wird es ihm nicht gefallen?«, fragte Hana. Nachdem sie keine Antwort erhalten hat, dachte sie kurz nach und plötzlich fing sie an den roten Stoff in Fetzen zu zerreißen bis die Regentropfen gierig an ihrer nackten Haut klebten und sie küssten. Mit dieser Reaktion hatte die Isar nicht gerechnet. So kannte sie Hana gar nicht. Sie wütete kreuz und quer, nachdem sie nun ihre einzige Ablenkung von der demütigenden Arbeit verloren hatte.
»Sieh mich an. Das wird ihm doch sicher gefallen. Jetzt muss ich ihn nur noch hierher bringen«, lachte Hana und bemerkte bei ihrem Freudentanz im Regen nicht die hungrige Bestie hinter ihm. Alle falschen Gedanken, die Edgar jahrelang in den Unterrichtsstunden unterdrückte, strömten von der Kammer im Gehirn zu seinem spitzen Schwert zwischen den Beinen runter. Aus seinem Mund goss der Überfluss an Lust hinaus. Auch er entkleidete sich und schärfte seine Klinge. Die Katze, die ihm folgte, sah den Wandel nicht kommen. Wieder einmal bestrafte das Leben ihren hart erkämpften Glauben an eine bessere Zeit. Sie befürchtete die Ankunft einer ungewollten Bekanntschaft und so drehte sie sich um bevor sich Edgar auf seine Beute stürzte. Das wilde Tier packte Hana von hinten und warf sie auf den Boden. Er verschlang genüsslich den Nacken, ging den Rücken entlang runter und hielt mit aller Kraft ihren Mund zu. Wenn auch kein Wort von ihrer kleinen Freundin kam, reichten die Laute der Bestie aus, die Isar zu alarmieren. Sie sammelte ihre Kraft als Edgar Hanas Wundpunkt abtastete, um sie zu erstechen, doch erschrak sich beim Einschlag eines Blitzes.
»Du hältst dich erstmal raus«, übermittelte der Bote den Befehl der Königin und instinktiv blieb der Fluss stehen.
»Mama! Papa soll aufhören! Sag Papa, dass er aufhören soll!«, schrie das arme Mädchen, dass Edgars haarigen Finger weg biss, während das Schwert einstach. Diese Worte verdeutlichten mit der Nachricht der Sonne zusammen die Befürchtungen der Isar, die den Schmerz, nichts tun zu können, verschlimmerten. Sie musste zusehen wie Edgar seine Waffe hineindrückte. Der ewig blockierte Weg zum Glück war für Edgar geöffnet. Er wollte mehr und stach weitere Male ein in das hilflose Opfer, das mit diesen Niederlagen schon siebzehn Jahre lang vertraut war. Nichts hielt Edgars Rausch auf bis er in seiner linken Pobacke einen Biss spürte. Es war ein winziger, aber deutlich störender Schmerz. Als er endlich aufstand, war sein mächtiges Schwert zu abgeschwächt und verlor den Kampf gegen die Krallen der schwarzen Katze. Die Enttäuschung in den grüngelben Augen hinterfragten den Wert seiner Befriedigung. Ein erneuter Angriff zwang ihn zu Boden. Sein letzter Gedankenschritt bemerkte die Kurzfristigkeit seines heiß erwarteten Glücks. Hana schnappte den nächsten handgroßen Stein und zerschmetterte damit das Schwert endgültig. Während ihr Gehirn alte Erinnerungen verarbeitete, demolierte sie Edgars Gesicht. Das Blut spritzte auf das schwarze Fell und wie er es erwartet hatte, lebte der einst begeisterte Mathelehrer seinen letzten Tag zu Ende. Wer genau lauschte, konnte das Lachen der Sonne hören. Hana hörte aber nicht auf. Die Katze spürte einen kalten Schauer über den Rücken laufen, als Hana aus dem Nichts wahnsinnig glücklich lachte. Mittendrin änderte sich ihre Motivation hinter den Schlägen. Und wie sie es sich erhoffte, umfasste eine große dunkle Hand ihre Taille und trug sie zur Seite.
»Es reicht«, sagte die riesige Gestalt und setzte sich zur Leiche hin. Seine erdnahe Stimme berührte Hanas Wundpunkt zärtlich und heilte die Schmerzen. Die Schwertscheide war überzeugt endlich das richtige Schwert gefunden zu haben. Der maskierte Mann übertraf Hanas Vorstellungen. Selbst im Sitzen war er doppelt so groß wie sie und seine breiten Schultern hätten für sie ein Bett sein können. Der Bau des Todes war nicht mit Männern zu vergleichen. Während der Tod nach einem passenden Stein suchte, malte sich das Mädchen alle möglichen Bilder ihrer Zukunft mit ihm aus.
»Du hattest gestern und auch gerade eben deine Gründe. Aber du musst aufhören, Kind«, erzählte er vor sich hin und übertrug die Seele Edgars in einen Stein. Die Isar war überrascht und verwirrt. Sonst hatte der Tod noch nie seine Meinung zu einem Mörder geäußert und das sollte er auch nicht. Umso überraschter war sie, als Hana den Tod von hinten bekletterte und umarmte. Doch sofort warf er sie zur Seite.
»Tut mir leid, aber das kannst du nicht machen«, sagte er.
»Nein, entschuldige dich nicht. Schubs mich. Stoß mich. Schlag mich tot und nimm mich mit«, antwortete sie und bekletterte ihn von vorne. Sie drückte sein Gesicht in ihren blutbeschmierten Bußen und versuchte dabei seine Maske abzunehmen und wieder warf er sie zur Seite, aber erheblich rücksichtsloser.
»Dummes Kind! Red keinen Unsinn«, schimpfte er. Er nahm seinen Umhang ab und wickelte sie darin ein. So sehr auch diese kalte Wärme ihren Körper erregte, fühlte sie sich diesmal vom Charme des Todes beleidigt.
»Das ist kein Unsinn. Töte mich sofort und nimm mich mit. Ich will dich jede Nacht in mir spüren«, schmollte das Kind zunächst vor sich hin bis sie den Zorn des Todes spürte. Seine Aura vergrößerte sich und nahm eine unausgeglichene Farbe an, mit der nicht einmal die Isar bisher vertraut war. Hana bekam Angst und ehe der Regen sich langsam zurückzog, waren auch ihre Tränen zu sehen, jedoch reichte es nicht aus, ihren fest verbauten Wunsch im Herzen abzuschrecken. Sie wartete weiter auf den Todesschlag. Vermeintlich unbekümmert schloss der maskierte Mann die Übertragung der Seele ab, bevor er anschließend den Stein in die Isar warf. Der letzte Blitz schlug neben ihr ein. So schwer es ihr auch fiel, schleuderte die Isar sich schwungvoll auf ihre kleine Freundin schneller als es der Tod merken konnte und entführte sie ins Wasser. Auch Hana, qualvoll von der Isar erwürgt, konnte sich vom Wahnsinn in ihren letzten Sekunden befreien, als es schon zu spät war. Machtlos fiel der maskierte Mann auf die Knie und beneidete die Lebenden um die Fähigkeit zu sterben.
»Ich kann nichts machen. Ich kann es nicht stoppen, liebe Katze. Es tut mir leid«, weinte der Tod ohne Tränen.
»Nein. Entschuldige dich nicht. Du tust mir leid«, sagte sie und legte sich neben ihm auf den Rücken. Verhungernd und erschöpft vom Kampf besaß sie ebenfalls nicht die Kraft zu weinen. Er kraulte ihr den Bauch und wartete auf den Sonnenaufgang bis er zu guter Letzt der beschämten Isar die Seele der schwarzen Katze übergab.