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<div class="works">
+ <a href="./stories/wege_zum_tod.html" class="work-card card">
+ <div class="title-and-description">
+ <h3>Wege zum Tod</h3>
+ <p>Drei Lebewesen begegnen auf verschiedenen Wegen dem Tod.</p>
+ </div>
+ <div class="info">
+ <span>13 Pages</span>
+ <span class="story-language">German</span>
+ <span>Last Update: 2023-05-21</span>
+ </div>
+ </a>
+
<a href="./stories/das_schweigende_spiegelbild.html" class="work-card card">
<div class="title-and-description">
<h3>Das schweigende Spiegelbild</h3>
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+<!DOCTYPE html>
+<html lang="en">
+
+<head>
+ <title>Wege zum Tod - Vithuran Vishnuthas</title>
+ <meta charset="UTF-8">
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+ <link rel="stylesheet" href="/style.css">
+ <link rel="icon" href="data:,">
+</head>
+
+<body>
+ <header>
+ <u><a href="/index.html"><h1>Writer V2</h1></a></u>
+ Vithuran Vishnuthas
+ </header>
+ <nav>
+ <a href="/index.html">Home</a>
+ <a href="/stories.html">Stories</a>
+ </nav>
+ <main>
+
+ <h2>Wege zum Tod</h2>
+ <a class="download-button" href="wege_zum_tod.pdf" download>Download PDF</a>
+ <div class="story-text"><p>Am farbenfrohen Morgen ihres letzten Tages saß die siebzehnjährige
+Hana im Blickwinkel der selbstbewussten Sonne am Isarufer in einem roten
+Ballkleid. Ihre kurzen schwarzen Haare tanzten zum angenehmen Gesang des
+Windes mit. Weder die zwei Möwen neben ihr, die weggeworfene Tüten nach
+Essen absuchten, noch die laute Schlagermusik oben auf der
+Reichenbachbrücke, weckten sie beim Tagträumen auf. In ihren chaotischen
+Gedanken suchte sie nach einer Antwort auf die Frage, die in ihrem
+Gehirn eingenistet war. Auf ihrem leicht geschminkten Gesicht vermehrten
+sich die Fragezeichen bis kein Platz mehr übrig war und ihre natürliche
+Röte das Rouge übertönte. Die Isar kicherte vergnügt.<br />
+»Du siehst ja heute wunderschön aus. Gibt es einen speziellen Anlass?«,
+fragte sie. Der Fluss, der das Leben der Münchener hin und auswendig
+kennt, hat für Hana einen besonderen Platz im Herzen.<br />
+»Ich frage mich selber die ganze Zeit warum ich es heute angezogen
+habe«, beklagte Hana und fasste sich an den Kopf.<br />
+»Hast du mal die Entscheidung nachgespielt?«, fragte die Isar. Die Sonne
+musste lachen beim Anblick des verwirrten Blicks, der als eine Antwort
+reichte. Gerade diese naive Leichtigkeit des Mädchens lösten beim
+täglichen Quatschen die ältesten Probleme der Isar auf, wenn auch nur
+für den Moment.<br />
+»Du könntest dich wieder vor deinen Kleiderschrank stellen, sodass du
+die möglichen Einflüsse nochmal wahrnehmen kannst«, erklärte die Isar
+ausführlicher. Konzentriert schaute Hana in die Ferne und verarbeitete
+die Worte des Flusses bis sie vor Freude aufsprang und damit die Möwen
+verscheuchte.<br />
+»Das ist eine geniale Idee …Mit dem Kleiderschrank von Papa funktioniert
+das auch, oder?«, fragte sie zögerlich. Der große Stern am Himmel lachte
+das Kind weiter aus.<br />
+»Wenn da das Kleid drinnen war, ja«, antworte die Isar geduldig. Sofort
+machte sich Hana auf den Weg nachhause.</p>
+<p>Im Gegensatz zu Hana, wusste Edgar bereits, dass es sein letzter Tag
+sein wird. Niemand prophezeite ihm diese Wahrheit. Es war ihm grundlos
+selbstverständlich. Der Mann, der normalerweise jeden Morgen gepflegt
+und vorbereitet als Erster in der Schule erschien, um etlichen Klassen
+die Kunst der Mathematik einzutrichtern, spazierte unbekümmert am
+Marienplatz in seinem grauen karierten Pyjama, nachdem er seinen Bauch
+in seinem Lieblingslokal gefüllt hatte. Vor dem Tod wollte er noch
+seinen Geldbeutel zu seinem Vergnügen entleeren. Ein Drei-Gänge-Menü zum
+Frühstück sättigte zwar einen Hunger, aber nicht den <em>anderen</em>
+Hunger. Er betrat ein kleines Modegeschäft, welches im Schaufenster eine
+schwarze Lederjacke für Frauen präsentierte. Es war allerdings nicht die
+Jacke, die sein Interesse gewann. Vor sich hin murmelnd studierte er
+seine Frage ein, bevor er sich zur Kasse begab.<br />
+»Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Kassiererin. Die
+Wörter, die ihm auf der Zunge lagen, schluckte er beim Lachen wieder
+runter. Bei jedem Ansatz fing er erneut an zu lachen. Schließlich zeigte
+er auf die schwarze Lederjacke.<br />
+»Möchten Sie die Jacke kaufen?«, vergewisserte sich die Kassiererin. Er
+schüttelte den Kopf.<br />
+»Nein, aber wie viel kostet die Schaufensterpuppe?«, quietschte er aus
+seinen zitternden Lippen raus bevor er sich seine Seele schlapp lachte.
+Es dauerte ein wenig bis er merkte, dass weder die Kassiererin, noch die
+anderen Kunden in der Schlange, seinen Humor schätzten. Dieser peinliche
+Moment sollte dem sterbenden Mann eigentlich nichts bedeuten. Dennoch
+stampfte er wütend raus und betrat die gegenüberliegende Boutique, wo er
+tatsächlich eine Schaufensterpuppe zu einem Preis von zehn Lederjacken
+kaufen durfte.</p>
+<p>Etwa fünf Minuten südöstlich von ihm entfernt, bestaunte am
+Viktualienmarkt eine hungrige schwarze Katze die leckeren Gerüche, die
+sie allerdings nicht von ihrem Kummer ablenken konnten. Sie entschied
+sich dazu nie wieder nachhause zurückzukehren. Schließlich hatte sie
+niemanden mehr. Das einzige Familienmitglied, das sie wirklich Familie
+nennen konnte, war der Hund. Mit dem Border Collie hatte sie jeden Tag
+gespielt und jede Nacht gekuschelt. Auch wenn die Besitzer jedes Spiel
+als Attentat interpretierten und immer wieder darüber diskutierten sie
+wegzugeben, wurden die Wunden der depressiven Katze von ihrem besten
+Freund geheilt. Nach einem unerwarteten Unfall nahm der Tod ihr
+allerdings auch dieses Glück weg. Es war nicht ihre erste Begegnung mit
+dem Tod. Wo immer sie auch hinging, nahm der maskierte Mann ihr die
+Liebsten weg. Sie flüchtete nun nicht, weil die Besitzer ihr die Schuld
+für den Tod des Hundes gaben, sondern weil sie es selber tat und sich
+endgültig isolieren wollte. Eine ältere Dame, überwältigt von der
+Hilflosigkeit der trauernden Katze, näherte sich vorsichtig an. Ehe die
+Katze es bemerkte, lief sie auch vom Viktualienmarkt weg und suchte ein
+Versteck.</p>
+<p>In der engen Einzimmerwohnung in der Eduard-Schmid-Straße angekommen,
+bemerkte Hana als erstes, dass ihr Vater weiterhin auf dem Boden vor dem
+Kühlschrank schlief und einen tödlichen Gestank annahm. Aus dem Schrank
+ihres Vaters nahm sie also einen beruhigenden Lavendel Parfum und
+sprühte das Flakon leer, sodass auch die Fliegen wegflogen. Dann stand
+sie endlich vor dem Schrank, wie die Isar es ihr empfohlen hatte, und
+wartete auf die Magie. Sie geduldete sich ein paar weitere Sekunden,
+doch sie wusste immer noch nicht, warum sie das rote Kleid ausgewählt
+hatte. Im Spiegel sah sie wie dreckig und unordentlich es geworden ist,
+was sie beunruhigte, da es das letzte Geschenk ihrer Mutter war. Zwar
+war ihr die Schule mittlerweile egal, doch zum Abschlussball wollte sie
+dennoch hingehen. Nach ein paar weiteren Versuchen, wo sie kräftig in
+Höchstleistung ihr Gehirn arbeiten ließ, lag sie sich erschöpft auf das
+Bett hin, welches sie sich ebenfalls mit ihrem Vater teilte.
+Gestreichelt von den warmen Sonnenstrahlen, schlief sie noch ein,
+während der Lavendelduft noch am Leben war, und träumte von einer
+schwarzen Maske.</p>
+<p>Bis zur Mittagsstunde verstärkte sich Edgars Selbstbewusstsein mit
+jedem vermeintlich sinnlosen Einkauf. Er ließ die Schaufensterpuppe, die
+seinem Ego genug gedient hatte, mitten auf der Straße liegen, sodass er
+beide Hände freihatte für seine Einkaufstüten. Eine beinhaltete
+zweihundertfünfzig Stück Stahlnägel, einen Klauenhammer und ein
+übertrieben langes Hanfseil. In der anderen Tüte trug er einen schwarzen
+Bademantel aus reiner Baumwolle und jede Menge Spielzeuge, die ihm
+vorher zu teuer erschienen. Schließlich war nicht nur sein Geldbeutel
+leer, sondern auch sein Konto. Am Viktualienmarkt angekommen, knurrte
+sein Magen bereits. In diesem Moment hinterfragte er einige
+Konsumentscheidungen. Von Stand zu Stand nahm sein Hunger zu, jedes
+kindliche Lächeln verführte ihn und die Verzweiflung über den Geldmangel
+für den Rest des Tages wuchs. Da bemerkte er eine junge Dame, deren
+Designerklamotten und Goldschmuck laut und deutlich nach Wohlstand
+schrien. Unauffällig fing er an sie zu verfolgen. Ständig überprüfte er
+die Menschenmenge um sich herum. Die Straßen waren an diesem
+wunderschönen Sommertag überfüllt. Die Sonne beobachtete das Geschehen.
+Sie rief den Regen und das Gewitter herbei.<br />
+»Hinterfrage nicht deinen Willen. Du hast es verdient«, flüsterte sie
+Edgar zu, bevor sie sich verabschiedete. Sofort wurde es leerer und auch
+die Frau, überrascht wie alle anderen, lief schneller. Edgar verfolgte
+sie weiter bis sie in einem Fußgängertunnel stehen blieb und das
+Unwetter abwartete. Er entpackte das Seil vorsichtig und näherte sich
+ihr an als sie sich plötzlich umdrehte.<br />
+»Das Wetter ist heutzutage ein wahres Hexenwerk, nicht wahr?«, sagte sie
+und schaute wieder raus ohne das Seil in seinen Händen bemerkt zu haben.
+Schockiert und erleichtert in derselben Sekunde wartete Edgar nicht
+länger und brachte das Seil um ihren Hals, um sie zu erwürgen, doch ein
+wütender Schrei eines Mannes und dessen Schritte hinter ihm, bezwangen
+seinen Mut. Er schubste die Dame auf den Boden und lief weg. All seine
+Einkäufe ließ er liegen und dabei bemerkte er nicht einmal, dass die
+schwachen Beine des alten Mannes ihn längst nicht mehr verfolgten.</p>
+<p>In einem ihr unbekannten Gebiet irgendwo in der Isarvorstadt
+versteckte sich die schwarze Katze unter einem Auto. Auch wenn die Kälte
+den Kampf gegen den Hunger schwieriger machte, fühlte sie sich im Regen
+wohler. Das traurige Wetter reflektierte ihre Gefühlslage haargenau und
+die leeren Straßen dämpften ihre Angst. Eigentlich wollte die Katze
+nicht einsam und alleine sein. Ihr ganzes Leben war sie auf der Suche
+nach Liebe und Zuneigung. Doch diese zu verlieren, schmerzte ihr mehr.
+Sie war darauf eingestellt bis zu ihrem Tod zu verhungern bis auf einmal
+eine dunkle Hand einen Napf mit Katzenfutter zu ihr stellte. Das kluge
+Tier war nicht dumm. Natürlich war es eine Falle. Allerdings konnte sie
+dem Geruch vom Huhn mit Distelöl nicht lange widerstehen. Nach einigen
+Minuten verlor sie die Geduld und genehmigte sich das Futter anzunehmen.
+Hastig verschlang sie eine Portion und genoss jeden Bissen. Als der
+Selbstlose den Napf nachfüllte, konnte sie ihn identifizieren und wich
+sofort zurück.<br />
+»Bitte lass mich in Ruhe«, miaute sie und ließ den maskierten Mann
+enttäuscht im Regen stehen. Wenn er weinen könnte, würde er es tun,
+während er über die früheren Begegnungen mit der Katze dachte. Die
+Sirenen eines Krankenwagens in der Nähe führten ihn zurück zu seiner
+Arbeit.</p>
+<p>»So einfach kann man sein Leben verschwenden«, war der erste Gedanke
+als Hana nachmittags aufwachte, nachdem die Türklingel endlich in ihren
+Ohren angekommen war. Sobald sie die Tür aufmachte, blickte die
+Nachbarin mit tränenden Augen zur Leiche und nahm Hana in die Arme. Mit
+einem Taschentuch hielt sie sich die Nase zu und beugte sich runter zu
+Hanas toten Vater.<br />
+»Jetzt verlässt <em>du</em> das arme Kind auch noch. Du musstest
+unbedingt dein ganzes Leben bis zum Tod mit Alkohol und Tabak
+verschwenden«, weinte die Grauhaarige und führte anschließend Hana zu
+ihrer Wohnung. Diesen Worten entnahm das Mädchen einen großen Hinweis.
+Der Weg zur Lösung leuchtete und auf einmal war alles einfach.<br />
+»Ruh dich hier aus, Schätzchen«, sagte die Nachbarin bevor sie sich dem
+Telefon wand. Der Tod des Vaters bereite der Tochter keinen Kummer.
+Stattdessen beschäftigten sich ihre Gedanken mit der endlich vollendeten
+Magie in ihrem Kopf.<br />
+»So einfach kann man sein Leben verschwenden«, wiederholte sie. Ihre
+Frage hatte eine Antwort gefunden. Sie erinnerte sich für wen sie das
+rote Kleid angezogen hat. Auch nur der Gedanke an diese tiefe,
+beruhigende Stimme, die sie gestern im Schlaf gehört hat, zersprengte
+fast ihren Körper, der mit Lust überfüllt war. Das Mädchen machte sich
+einen Bild von ihrem Traummann, der als einziger groß und breit genug
+war, um ihre versteckten Sorgen warm zu empfangen. Seine Wucht und
+Dominanz würden jede Nacht ihre Unsicherheiten auslöschen. Nicht mal
+seinen, von der schwarzen Maske überdeckten, Blick würde sie mit einer
+anderen Frau teilen wollen. Er gehörte ihr ganz alleine. Für ihn musste
+sie die Schönste sein. Einerseits konnte sie nicht glücklicher sein.
+Andererseits bereitete ihr der Zustand ihres Kleids umso mehr Sorgen.
+Begleitet von Blitz und Donner machte sich Hana erneut auf den Weg zur
+Isar, um ihr von ihrem baldigen Partner zu erzählen. Es war der Tod.</p>
+<p>Geplagt von den Enttäuschungen, die seine hohen Erwartungen für
+diesen letzten Tag, zertrümmerten, vergoss Edgar auf der
+Reichenbachbrücke wütende Tränen, die gemeinsam mit den Regentropfen in
+die Isar platschten. Am letzten Tag wollte er vergessen und nicht
+zurückhalten. Sein ganzes Leben unterrichtete er seinen Klassen, dass
+die Mathematik, trotz ihrer Macht und Richtigkeit, nicht alles
+beantworten konnte. Stets glaubte er an die Lücke im Determinismus und
+an die menschliche Fähigkeit den gutherzigen Weg zu wählen. Jedoch stieg
+seine verbotene Lust in gleichen Zügen. Als ihm schließlich bewusst
+wurde, dass er seinen letzten Tag erleben werde, fiel es ihm zu einfach
+den Glauben an einen Sinn der Moral zu verlieren. Noch war der Tag der
+Freiheit nicht zu Ende. Auch beruhigte ihn das Verständnis der Sonne.
+Allerdings fragte er sich, ob sie denn seinen tatsächlichen Willen
+kannte. Blitzschnell fand er darauf eine Antwort als er einem Blitz
+ausweichen musste.<br />
+»Die Königin weiß alles. Du sollst keine Angst haben«, zischte ein
+blauer Bote und verschwand. Die schwarze Katze, die an ihm vorbeiging,
+war zu verblendet von seiner Trauer, um seine unkontrollierbar steigende
+Wut zu sehen. Vielleicht verlor er ebenfalls einen Freund fürs Leben.
+Der Versuch, sich nicht in den möglichen Geschichten hinter diesem
+langen Gesicht zu verlieren, scheiterte nach wenigen Schritten. Sie
+blieb stehen. Die Katze versuchte weiter zu gehen, doch ihr Herz befahl
+ihr, ihm Gesellschaft zu leisten. Nicht zum ersten Mal gab sie aufgrund
+des Dranges, einer Person in Not helfen zu müssen, ihre Sturheit auf.
+Langsam kuschelte sie sich an das Bein und weckte damit Edgar von seinen
+beängstigenden Träumen auf. Beim ersten Kontakt spürten beide die Leere
+des Gegenübers. Die liebevollen grünen Augen der Katze durchdrangen das
+Herz des Mannes und konnten ihn für einen kurzen Augenblick von seinem
+Wahnsinn ablenken. Sie miaute zitternd nach seiner Aufmerksamkeit. Er
+hockte sich auf den nassen Boden hin und seine Krauler vom Kinn bis zum
+Ohr wurden mit dem beruhigenden Schnurren belohnt. Beim Wunschgedanken,
+der Katze etwas zu kaufen, erinnerte er sich an seine Situation und
+letztendlich gewann der Wahnsinn wieder die Oberhand als ausgerechnet in
+diesem Moment eine ehemalige Schülerin in einem roten Kleid in sein Auge
+fiel.<br />
+»Hana, was machst du hier? Zieh dir doch wenigstens eine Jacke an«,
+sagte die Isar, die ohnehin von einer Nachricht der Sonne bedrückt war,
+als die Träumende im nassen, teilweise zerrissenen Kleid zu ihr
+angerannt kam. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Die Breite ihres
+Lächelns ignorierte die Grenzen ihres Gesichts.<br />
+»Es ist der Tod, Isar. Ich habe die Antwort gefunden. Für den charmanten
+maskierten Mann habe ich das schöne Kleid angezogen«, rief Hana
+überwältigt von ihrer Sehnsucht. Die Isar wich zurück.<br />
+»Isar? Was ist denn? Kennst du etwa den Tod?«, fragte das junge Mädchen.
+Der Fluss schwieg.<br />
+»Machst du dir Sorgen wegen meinem Kleid? Wird es ihm nicht gefallen?«,
+fragte Hana. Nachdem sie keine Antwort erhalten hat, dachte sie kurz
+nach und plötzlich fing sie an den roten Stoff in Fetzen zu zerreißen
+bis die Regentropfen gierig an ihrer nackten Haut klebten und sie
+küssten. Mit dieser Reaktion hatte die Isar nicht gerechnet. So kannte
+sie Hana gar nicht. Sie wütete kreuz und quer, nachdem sie nun ihre
+einzige Ablenkung von der demütigenden Arbeit verloren hatte.<br />
+»Sieh mich an. Das wird ihm doch sicher gefallen. Jetzt muss ich ihn nur
+noch hierher bringen«, lachte Hana und bemerkte bei ihrem Freudentanz im
+Regen nicht die hungrige Bestie hinter ihm. Alle falschen Gedanken, die
+Edgar jahrelang in den Unterrichtsstunden unterdrückte, strömten von der
+Kammer im Gehirn zu seinem spitzen Schwert zwischen den Beinen runter.
+Aus seinem Mund goss der Überfluss an Lust hinaus. Auch er entkleidete
+sich und schärfte seine Klinge. Die Katze, die ihm folgte, sah den
+Wandel nicht kommen. Wieder einmal bestrafte das Leben ihren hart
+erkämpften Glauben an eine bessere Zeit. Sie befürchtete die Ankunft
+einer ungewollten Bekanntschaft und so drehte sie sich um bevor sich
+Edgar auf seine Beute stürzte. Das wilde Tier packte Hana von hinten und
+warf sie auf den Boden. Er verschlang genüsslich den Nacken, ging den
+Rücken entlang runter und hielt mit aller Kraft ihren Mund zu. Wenn auch
+kein Wort von ihrer kleinen Freundin kam, reichten die Laute der Bestie
+aus, die Isar zu alarmieren. Sie sammelte ihre Kraft als Edgar Hanas
+Wundpunkt abtastete, um sie zu erstechen, doch erschrak sich beim
+Einschlag eines Blitzes.<br />
+»Du hältst dich erstmal raus«, übermittelte der Bote den Befehl der
+Königin und instinktiv blieb der Fluss stehen.<br />
+»Mama! Papa soll aufhören! Sag Papa, dass er aufhören soll!«, schrie das
+arme Mädchen, dass Edgars haarigen Finger weg biss, während das Schwert
+einstach. Diese Worte verdeutlichten mit der Nachricht der Sonne
+zusammen die Befürchtungen der Isar, die den Schmerz, nichts tun zu
+können, verschlimmerten. Sie musste zusehen wie Edgar seine Waffe
+hineindrückte. Der ewig blockierte Weg zum Glück war für Edgar geöffnet.
+Er wollte mehr und stach weitere Male ein in das hilflose Opfer, das mit
+diesen Niederlagen schon siebzehn Jahre lang vertraut war. Nichts hielt
+Edgars Rausch auf bis er in seiner linken Pobacke einen Biss spürte. Es
+war ein winziger, aber deutlich störender Schmerz. Als er endlich
+aufstand, war sein mächtiges Schwert zu abgeschwächt und verlor den
+Kampf gegen die Krallen der schwarzen Katze. Die Enttäuschung in den
+grüngelben Augen hinterfragten den Wert seiner Befriedigung. Ein
+erneuter Angriff zwang ihn zu Boden. Sein letzter Gedankenschritt
+bemerkte die Kurzfristigkeit seines heiß erwarteten Glücks. Hana
+schnappte den nächsten handgroßen Stein und zerschmetterte damit das
+Schwert endgültig. Während ihr Gehirn alte Erinnerungen verarbeitete,
+demolierte sie Edgars Gesicht. Das Blut spritzte auf das schwarze Fell
+und wie er es erwartet hatte, lebte der einst begeisterte Mathelehrer
+seinen letzten Tag zu Ende. Wer genau lauschte, konnte das Lachen der
+Sonne hören. Hana hörte aber nicht auf. Die Katze spürte einen kalten
+Schauer über den Rücken laufen, als Hana aus dem Nichts wahnsinnig
+glücklich lachte. Mittendrin änderte sich ihre Motivation hinter den
+Schlägen. Und wie sie es sich erhoffte, umfasste eine große dunkle Hand
+ihre Taille und trug sie zur Seite.<br />
+»Es reicht«, sagte die riesige Gestalt und setzte sich zur Leiche hin.
+Seine erdnahe Stimme berührte Hanas Wundpunkt zärtlich und heilte die
+Schmerzen. Die Schwertscheide war überzeugt endlich das richtige Schwert
+gefunden zu haben. Der maskierte Mann übertraf Hanas Vorstellungen.
+Selbst im Sitzen war er doppelt so groß wie sie und seine breiten
+Schultern hätten für sie ein Bett sein können. Der Bau des Todes war
+nicht mit Männern zu vergleichen. Während der Tod nach einem passenden
+Stein suchte, malte sich das Mädchen alle möglichen Bilder ihrer Zukunft
+mit ihm aus.<br />
+»Du hattest gestern und auch gerade eben deine Gründe. Aber du musst
+aufhören, Kind«, erzählte er vor sich hin und übertrug die Seele Edgars
+in einen Stein. Die Isar war überrascht und verwirrt. Sonst hatte der
+Tod noch nie seine Meinung zu einem Mörder geäußert und das sollte er
+auch nicht. Umso überraschter war sie, als Hana den Tod von hinten
+bekletterte und umarmte. Doch sofort warf er sie zur Seite.<br />
+»Tut mir leid, aber das kannst du nicht machen«, sagte er.<br />
+»Nein, entschuldige dich nicht. Schubs mich. Stoß mich. Schlag mich tot
+und nimm mich mit«, antwortete sie und bekletterte ihn von vorne. Sie
+drückte sein Gesicht in ihren blutbeschmierten Bußen und versuchte dabei
+seine Maske abzunehmen und wieder warf er sie zur Seite, aber erheblich
+rücksichtsloser.<br />
+»Dummes Kind! Red keinen Unsinn«, schimpfte er. Er nahm seinen Umhang ab
+und wickelte sie darin ein. So sehr auch diese kalte Wärme ihren Körper
+erregte, fühlte sie sich diesmal vom Charme des Todes beleidigt.<br />
+»Das ist kein Unsinn. Töte mich sofort und nimm mich mit. Ich will dich
+jede Nacht in mir spüren«, schmollte das Kind zunächst vor sich hin bis
+sie den Zorn des Todes spürte. Seine Aura vergrößerte sich und nahm eine
+unausgeglichene Farbe an, mit der nicht einmal die Isar bisher vertraut
+war. Hana bekam Angst und ehe der Regen sich langsam zurückzog, waren
+auch ihre Tränen zu sehen, jedoch reichte es nicht aus, ihren fest
+verbauten Wunsch im Herzen abzuschrecken. Sie wartete weiter auf den
+Todesschlag. Vermeintlich unbekümmert schloss der maskierte Mann die
+Übertragung der Seele ab, bevor er anschließend den Stein in die Isar
+warf. Der letzte Blitz schlug neben ihr ein. So schwer es ihr auch fiel,
+schleuderte die Isar sich schwungvoll auf ihre kleine Freundin schneller
+als es der Tod merken konnte und entführte sie ins Wasser. Auch Hana,
+qualvoll von der Isar erwürgt, konnte sich vom Wahnsinn in ihren letzten
+Sekunden befreien, als es schon zu spät war. Machtlos fiel der maskierte
+Mann auf die Knie und beneidete die Lebenden um die Fähigkeit zu
+sterben.<br />
+»Ich kann nichts machen. Ich kann es nicht stoppen, liebe Katze. Es tut
+mir leid«, weinte der Tod ohne Tränen.<br />
+»Nein. Entschuldige dich nicht. <em>Du</em> tust mir leid«, sagte sie
+und legte sich neben ihm auf den Rücken. Verhungernd und erschöpft vom
+Kampf besaß sie ebenfalls nicht die Kraft zu weinen. Er kraulte ihr den
+Bauch und wartete auf den Sonnenaufgang bis er zu guter Letzt der
+beschämten Isar die Seele der schwarzen Katze übergab.</p>
+</div>
+
+ </main>
+ <footer>
+ Vithuran Vishnuthas &copy; 2022 - 2023
+ </footer>
+
+
+</body>
+
+</html>
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+++ b/src/main.rs
@@ -16,10 +16,10 @@ fn main() -> Result<()> {
// render stories.html file
let stories = std::rc::Rc::new(works::stories::Stories::new_from_file(
- std::fs::File::open(std::path::PathBuf::from("stories.json"))?,
+ &std::fs::File::open(std::path::PathBuf::from("stories.json"))?,
)?);
std::rc::Rc::clone(&stories).render_overview_page(&tera, "stories")?;
std::rc::Rc::clone(&stories).render_single_pages(&tera, "story")?;
- Ok(())
+ anyhow::Ok(())
}
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--- a/src/works/mod.rs
+++ b/src/works/mod.rs
@@ -7,8 +7,8 @@ pub mod stories;
pub trait Works: for<'a> Deserialize<'a> + Serialize {
// create works from the corresponding JSON file,
// e.g. stories from stories.json
- fn new_from_file(file: std::fs::File) -> Result<Self> {
- serde_json::from_reader(std::io::BufReader::new(&file))
+ fn new_from_file(file: &std::fs::File) -> Result<Self> {
+ serde_json::from_reader(std::io::BufReader::new(file))
// add error context
.with_context(|| format!("Failed to create works from {:?}", &file))
}
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--- a/src/works/stories.rs
+++ b/src/works/stories.rs
@@ -1,3 +1,5 @@
+use std::format;
+
use anyhow::Context;
use chrono::NaiveDate;
use serde::{Deserialize, Serialize};
@@ -44,14 +46,14 @@ impl super::Works for Stories {
}
// create stories from stories.json and add last modification date
- fn new_from_file(file: std::fs::File) -> anyhow::Result<Self> {
- let mut stories: Stories = serde_json::from_reader(std::io::BufReader::new(&file))?;
+ fn new_from_file(file: &std::fs::File) -> anyhow::Result<Self> {
+ let mut stories: Stories = serde_json::from_reader(std::io::BufReader::new(file))?;
for story in stories.0.iter_mut() {
story.get_last_modified()?;
story.get_pages_num()?;
}
// add error context
- Ok(stories)
+ anyhow::Ok(stories).with_context(|| format!("Failed to create new story {:?}", file))
}
}
@@ -105,17 +107,22 @@ impl Story {
fn get_last_modified(&mut self) -> anyhow::Result<chrono::NaiveDate> {
use std::os::linux::fs::MetadataExt;
let pdf_last_modification = std::fs::metadata(self.get_pdf_path())?.st_mtime();
- let html_last_modification = std::fs::metadata(self.get_html_path())?.st_mtime();
+ let html_path = std::fs::metadata(self.get_html_path());
+ let html_last_modification = if let Ok(file) = html_path {
+ file.st_mtime()
+ } else {
+ 0
+ };
let date = chrono::NaiveDateTime::from_timestamp(std::cmp::max(pdf_last_modification, html_last_modification), 0).date();
self.last_update = date;
- Ok(date)
+ anyhow::Ok(date).with_context(|| format!("Failed to get last modified date for {}", self.title))
}
// get number of pages of pdf file
fn get_pages_num(&mut self) -> anyhow::Result<u32> {
let file = pdf::file::File::open(self.get_pdf_path())?;
self.number_of_pages = file.num_pages();
- Ok(file.num_pages())
+ anyhow::Ok(file.num_pages()).with_context(|| format!("Failed to number of pages for {}", self.title))
}
}
diff --git a/stories.json b/stories.json
index fd01c0e..7c78097 100644
--- a/stories.json
+++ b/stories.json
@@ -16,5 +16,11 @@
"description": "In his new life in Germany Kazuyuki is needed by dragons.",
"path_to_document": "the_fallen_dragons_of_bavaria.pdf",
"language": "English"
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+ {
+ "title": "Wege zum Tod",
+ "description": "Drei Lebewesen begegnen auf verschiedenen Wegen dem Tod.",
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+ "language": "German"
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]
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--- /dev/null
+++ b/stories_html/wege_zum_tod.html
@@ -0,0 +1,316 @@
+<p>Am farbenfrohen Morgen ihres letzten Tages saß die siebzehnjährige
+Hana im Blickwinkel der selbstbewussten Sonne am Isarufer in einem roten
+Ballkleid. Ihre kurzen schwarzen Haare tanzten zum angenehmen Gesang des
+Windes mit. Weder die zwei Möwen neben ihr, die weggeworfene Tüten nach
+Essen absuchten, noch die laute Schlagermusik oben auf der
+Reichenbachbrücke, weckten sie beim Tagträumen auf. In ihren chaotischen
+Gedanken suchte sie nach einer Antwort auf die Frage, die in ihrem
+Gehirn eingenistet war. Auf ihrem leicht geschminkten Gesicht vermehrten
+sich die Fragezeichen bis kein Platz mehr übrig war und ihre natürliche
+Röte das Rouge übertönte. Die Isar kicherte vergnügt.<br />
+»Du siehst ja heute wunderschön aus. Gibt es einen speziellen Anlass?«,
+fragte sie. Der Fluss, der das Leben der Münchener hin und auswendig
+kennt, hat für Hana einen besonderen Platz im Herzen.<br />
+»Ich frage mich selber die ganze Zeit warum ich es heute angezogen
+habe«, beklagte Hana und fasste sich an den Kopf.<br />
+»Hast du mal die Entscheidung nachgespielt?«, fragte die Isar. Die Sonne
+musste lachen beim Anblick des verwirrten Blicks, der als eine Antwort
+reichte. Gerade diese naive Leichtigkeit des Mädchens lösten beim
+täglichen Quatschen die ältesten Probleme der Isar auf, wenn auch nur
+für den Moment.<br />
+»Du könntest dich wieder vor deinen Kleiderschrank stellen, sodass du
+die möglichen Einflüsse nochmal wahrnehmen kannst«, erklärte die Isar
+ausführlicher. Konzentriert schaute Hana in die Ferne und verarbeitete
+die Worte des Flusses bis sie vor Freude aufsprang und damit die Möwen
+verscheuchte.<br />
+»Das ist eine geniale Idee …Mit dem Kleiderschrank von Papa funktioniert
+das auch, oder?«, fragte sie zögerlich. Der große Stern am Himmel lachte
+das Kind weiter aus.<br />
+»Wenn da das Kleid drinnen war, ja«, antworte die Isar geduldig. Sofort
+machte sich Hana auf den Weg nachhause.</p>
+<p>Im Gegensatz zu Hana, wusste Edgar bereits, dass es sein letzter Tag
+sein wird. Niemand prophezeite ihm diese Wahrheit. Es war ihm grundlos
+selbstverständlich. Der Mann, der normalerweise jeden Morgen gepflegt
+und vorbereitet als Erster in der Schule erschien, um etlichen Klassen
+die Kunst der Mathematik einzutrichtern, spazierte unbekümmert am
+Marienplatz in seinem grauen karierten Pyjama, nachdem er seinen Bauch
+in seinem Lieblingslokal gefüllt hatte. Vor dem Tod wollte er noch
+seinen Geldbeutel zu seinem Vergnügen entleeren. Ein Drei-Gänge-Menü zum
+Frühstück sättigte zwar einen Hunger, aber nicht den <em>anderen</em>
+Hunger. Er betrat ein kleines Modegeschäft, welches im Schaufenster eine
+schwarze Lederjacke für Frauen präsentierte. Es war allerdings nicht die
+Jacke, die sein Interesse gewann. Vor sich hin murmelnd studierte er
+seine Frage ein, bevor er sich zur Kasse begab.<br />
+»Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Kassiererin. Die
+Wörter, die ihm auf der Zunge lagen, schluckte er beim Lachen wieder
+runter. Bei jedem Ansatz fing er erneut an zu lachen. Schließlich zeigte
+er auf die schwarze Lederjacke.<br />
+»Möchten Sie die Jacke kaufen?«, vergewisserte sich die Kassiererin. Er
+schüttelte den Kopf.<br />
+»Nein, aber wie viel kostet die Schaufensterpuppe?«, quietschte er aus
+seinen zitternden Lippen raus bevor er sich seine Seele schlapp lachte.
+Es dauerte ein wenig bis er merkte, dass weder die Kassiererin, noch die
+anderen Kunden in der Schlange, seinen Humor schätzten. Dieser peinliche
+Moment sollte dem sterbenden Mann eigentlich nichts bedeuten. Dennoch
+stampfte er wütend raus und betrat die gegenüberliegende Boutique, wo er
+tatsächlich eine Schaufensterpuppe zu einem Preis von zehn Lederjacken
+kaufen durfte.</p>
+<p>Etwa fünf Minuten südöstlich von ihm entfernt, bestaunte am
+Viktualienmarkt eine hungrige schwarze Katze die leckeren Gerüche, die
+sie allerdings nicht von ihrem Kummer ablenken konnten. Sie entschied
+sich dazu nie wieder nachhause zurückzukehren. Schließlich hatte sie
+niemanden mehr. Das einzige Familienmitglied, das sie wirklich Familie
+nennen konnte, war der Hund. Mit dem Border Collie hatte sie jeden Tag
+gespielt und jede Nacht gekuschelt. Auch wenn die Besitzer jedes Spiel
+als Attentat interpretierten und immer wieder darüber diskutierten sie
+wegzugeben, wurden die Wunden der depressiven Katze von ihrem besten
+Freund geheilt. Nach einem unerwarteten Unfall nahm der Tod ihr
+allerdings auch dieses Glück weg. Es war nicht ihre erste Begegnung mit
+dem Tod. Wo immer sie auch hinging, nahm der maskierte Mann ihr die
+Liebsten weg. Sie flüchtete nun nicht, weil die Besitzer ihr die Schuld
+für den Tod des Hundes gaben, sondern weil sie es selber tat und sich
+endgültig isolieren wollte. Eine ältere Dame, überwältigt von der
+Hilflosigkeit der trauernden Katze, näherte sich vorsichtig an. Ehe die
+Katze es bemerkte, lief sie auch vom Viktualienmarkt weg und suchte ein
+Versteck.</p>
+<p>In der engen Einzimmerwohnung in der Eduard-Schmid-Straße angekommen,
+bemerkte Hana als erstes, dass ihr Vater weiterhin auf dem Boden vor dem
+Kühlschrank schlief und einen tödlichen Gestank annahm. Aus dem Schrank
+ihres Vaters nahm sie also einen beruhigenden Lavendel Parfum und
+sprühte das Flakon leer, sodass auch die Fliegen wegflogen. Dann stand
+sie endlich vor dem Schrank, wie die Isar es ihr empfohlen hatte, und
+wartete auf die Magie. Sie geduldete sich ein paar weitere Sekunden,
+doch sie wusste immer noch nicht, warum sie das rote Kleid ausgewählt
+hatte. Im Spiegel sah sie wie dreckig und unordentlich es geworden ist,
+was sie beunruhigte, da es das letzte Geschenk ihrer Mutter war. Zwar
+war ihr die Schule mittlerweile egal, doch zum Abschlussball wollte sie
+dennoch hingehen. Nach ein paar weiteren Versuchen, wo sie kräftig in
+Höchstleistung ihr Gehirn arbeiten ließ, lag sie sich erschöpft auf das
+Bett hin, welches sie sich ebenfalls mit ihrem Vater teilte.
+Gestreichelt von den warmen Sonnenstrahlen, schlief sie noch ein,
+während der Lavendelduft noch am Leben war, und träumte von einer
+schwarzen Maske.</p>
+<p>Bis zur Mittagsstunde verstärkte sich Edgars Selbstbewusstsein mit
+jedem vermeintlich sinnlosen Einkauf. Er ließ die Schaufensterpuppe, die
+seinem Ego genug gedient hatte, mitten auf der Straße liegen, sodass er
+beide Hände freihatte für seine Einkaufstüten. Eine beinhaltete
+zweihundertfünfzig Stück Stahlnägel, einen Klauenhammer und ein
+übertrieben langes Hanfseil. In der anderen Tüte trug er einen schwarzen
+Bademantel aus reiner Baumwolle und jede Menge Spielzeuge, die ihm
+vorher zu teuer erschienen. Schließlich war nicht nur sein Geldbeutel
+leer, sondern auch sein Konto. Am Viktualienmarkt angekommen, knurrte
+sein Magen bereits. In diesem Moment hinterfragte er einige
+Konsumentscheidungen. Von Stand zu Stand nahm sein Hunger zu, jedes
+kindliche Lächeln verführte ihn und die Verzweiflung über den Geldmangel
+für den Rest des Tages wuchs. Da bemerkte er eine junge Dame, deren
+Designerklamotten und Goldschmuck laut und deutlich nach Wohlstand
+schrien. Unauffällig fing er an sie zu verfolgen. Ständig überprüfte er
+die Menschenmenge um sich herum. Die Straßen waren an diesem
+wunderschönen Sommertag überfüllt. Die Sonne beobachtete das Geschehen.
+Sie rief den Regen und das Gewitter herbei.<br />
+»Hinterfrage nicht deinen Willen. Du hast es verdient«, flüsterte sie
+Edgar zu, bevor sie sich verabschiedete. Sofort wurde es leerer und auch
+die Frau, überrascht wie alle anderen, lief schneller. Edgar verfolgte
+sie weiter bis sie in einem Fußgängertunnel stehen blieb und das
+Unwetter abwartete. Er entpackte das Seil vorsichtig und näherte sich
+ihr an als sie sich plötzlich umdrehte.<br />
+»Das Wetter ist heutzutage ein wahres Hexenwerk, nicht wahr?«, sagte sie
+und schaute wieder raus ohne das Seil in seinen Händen bemerkt zu haben.
+Schockiert und erleichtert in derselben Sekunde wartete Edgar nicht
+länger und brachte das Seil um ihren Hals, um sie zu erwürgen, doch ein
+wütender Schrei eines Mannes und dessen Schritte hinter ihm, bezwangen
+seinen Mut. Er schubste die Dame auf den Boden und lief weg. All seine
+Einkäufe ließ er liegen und dabei bemerkte er nicht einmal, dass die
+schwachen Beine des alten Mannes ihn längst nicht mehr verfolgten.</p>
+<p>In einem ihr unbekannten Gebiet irgendwo in der Isarvorstadt
+versteckte sich die schwarze Katze unter einem Auto. Auch wenn die Kälte
+den Kampf gegen den Hunger schwieriger machte, fühlte sie sich im Regen
+wohler. Das traurige Wetter reflektierte ihre Gefühlslage haargenau und
+die leeren Straßen dämpften ihre Angst. Eigentlich wollte die Katze
+nicht einsam und alleine sein. Ihr ganzes Leben war sie auf der Suche
+nach Liebe und Zuneigung. Doch diese zu verlieren, schmerzte ihr mehr.
+Sie war darauf eingestellt bis zu ihrem Tod zu verhungern bis auf einmal
+eine dunkle Hand einen Napf mit Katzenfutter zu ihr stellte. Das kluge
+Tier war nicht dumm. Natürlich war es eine Falle. Allerdings konnte sie
+dem Geruch vom Huhn mit Distelöl nicht lange widerstehen. Nach einigen
+Minuten verlor sie die Geduld und genehmigte sich das Futter anzunehmen.
+Hastig verschlang sie eine Portion und genoss jeden Bissen. Als der
+Selbstlose den Napf nachfüllte, konnte sie ihn identifizieren und wich
+sofort zurück.<br />
+»Bitte lass mich in Ruhe«, miaute sie und ließ den maskierten Mann
+enttäuscht im Regen stehen. Wenn er weinen könnte, würde er es tun,
+während er über die früheren Begegnungen mit der Katze dachte. Die
+Sirenen eines Krankenwagens in der Nähe führten ihn zurück zu seiner
+Arbeit.</p>
+<p>»So einfach kann man sein Leben verschwenden«, war der erste Gedanke
+als Hana nachmittags aufwachte, nachdem die Türklingel endlich in ihren
+Ohren angekommen war. Sobald sie die Tür aufmachte, blickte die
+Nachbarin mit tränenden Augen zur Leiche und nahm Hana in die Arme. Mit
+einem Taschentuch hielt sie sich die Nase zu und beugte sich runter zu
+Hanas toten Vater.<br />
+»Jetzt verlässt <em>du</em> das arme Kind auch noch. Du musstest
+unbedingt dein ganzes Leben bis zum Tod mit Alkohol und Tabak
+verschwenden«, weinte die Grauhaarige und führte anschließend Hana zu
+ihrer Wohnung. Diesen Worten entnahm das Mädchen einen großen Hinweis.
+Der Weg zur Lösung leuchtete und auf einmal war alles einfach.<br />
+»Ruh dich hier aus, Schätzchen«, sagte die Nachbarin bevor sie sich dem
+Telefon wand. Der Tod des Vaters bereite der Tochter keinen Kummer.
+Stattdessen beschäftigten sich ihre Gedanken mit der endlich vollendeten
+Magie in ihrem Kopf.<br />
+»So einfach kann man sein Leben verschwenden«, wiederholte sie. Ihre
+Frage hatte eine Antwort gefunden. Sie erinnerte sich für wen sie das
+rote Kleid angezogen hat. Auch nur der Gedanke an diese tiefe,
+beruhigende Stimme, die sie gestern im Schlaf gehört hat, zersprengte
+fast ihren Körper, der mit Lust überfüllt war. Das Mädchen machte sich
+einen Bild von ihrem Traummann, der als einziger groß und breit genug
+war, um ihre versteckten Sorgen warm zu empfangen. Seine Wucht und
+Dominanz würden jede Nacht ihre Unsicherheiten auslöschen. Nicht mal
+seinen, von der schwarzen Maske überdeckten, Blick würde sie mit einer
+anderen Frau teilen wollen. Er gehörte ihr ganz alleine. Für ihn musste
+sie die Schönste sein. Einerseits konnte sie nicht glücklicher sein.
+Andererseits bereitete ihr der Zustand ihres Kleids umso mehr Sorgen.
+Begleitet von Blitz und Donner machte sich Hana erneut auf den Weg zur
+Isar, um ihr von ihrem baldigen Partner zu erzählen. Es war der Tod.</p>
+<p>Geplagt von den Enttäuschungen, die seine hohen Erwartungen für
+diesen letzten Tag, zertrümmerten, vergoss Edgar auf der
+Reichenbachbrücke wütende Tränen, die gemeinsam mit den Regentropfen in
+die Isar platschten. Am letzten Tag wollte er vergessen und nicht
+zurückhalten. Sein ganzes Leben unterrichtete er seinen Klassen, dass
+die Mathematik, trotz ihrer Macht und Richtigkeit, nicht alles
+beantworten konnte. Stets glaubte er an die Lücke im Determinismus und
+an die menschliche Fähigkeit den gutherzigen Weg zu wählen. Jedoch stieg
+seine verbotene Lust in gleichen Zügen. Als ihm schließlich bewusst
+wurde, dass er seinen letzten Tag erleben werde, fiel es ihm zu einfach
+den Glauben an einen Sinn der Moral zu verlieren. Noch war der Tag der
+Freiheit nicht zu Ende. Auch beruhigte ihn das Verständnis der Sonne.
+Allerdings fragte er sich, ob sie denn seinen tatsächlichen Willen
+kannte. Blitzschnell fand er darauf eine Antwort als er einem Blitz
+ausweichen musste.<br />
+»Die Königin weiß alles. Du sollst keine Angst haben«, zischte ein
+blauer Bote und verschwand. Die schwarze Katze, die an ihm vorbeiging,
+war zu verblendet von seiner Trauer, um seine unkontrollierbar steigende
+Wut zu sehen. Vielleicht verlor er ebenfalls einen Freund fürs Leben.
+Der Versuch, sich nicht in den möglichen Geschichten hinter diesem
+langen Gesicht zu verlieren, scheiterte nach wenigen Schritten. Sie
+blieb stehen. Die Katze versuchte weiter zu gehen, doch ihr Herz befahl
+ihr, ihm Gesellschaft zu leisten. Nicht zum ersten Mal gab sie aufgrund
+des Dranges, einer Person in Not helfen zu müssen, ihre Sturheit auf.
+Langsam kuschelte sie sich an das Bein und weckte damit Edgar von seinen
+beängstigenden Träumen auf. Beim ersten Kontakt spürten beide die Leere
+des Gegenübers. Die liebevollen grünen Augen der Katze durchdrangen das
+Herz des Mannes und konnten ihn für einen kurzen Augenblick von seinem
+Wahnsinn ablenken. Sie miaute zitternd nach seiner Aufmerksamkeit. Er
+hockte sich auf den nassen Boden hin und seine Krauler vom Kinn bis zum
+Ohr wurden mit dem beruhigenden Schnurren belohnt. Beim Wunschgedanken,
+der Katze etwas zu kaufen, erinnerte er sich an seine Situation und
+letztendlich gewann der Wahnsinn wieder die Oberhand als ausgerechnet in
+diesem Moment eine ehemalige Schülerin in einem roten Kleid in sein Auge
+fiel.<br />
+»Hana, was machst du hier? Zieh dir doch wenigstens eine Jacke an«,
+sagte die Isar, die ohnehin von einer Nachricht der Sonne bedrückt war,
+als die Träumende im nassen, teilweise zerrissenen Kleid zu ihr
+angerannt kam. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Die Breite ihres
+Lächelns ignorierte die Grenzen ihres Gesichts.<br />
+»Es ist der Tod, Isar. Ich habe die Antwort gefunden. Für den charmanten
+maskierten Mann habe ich das schöne Kleid angezogen«, rief Hana
+überwältigt von ihrer Sehnsucht. Die Isar wich zurück.<br />
+»Isar? Was ist denn? Kennst du etwa den Tod?«, fragte das junge Mädchen.
+Der Fluss schwieg.<br />
+»Machst du dir Sorgen wegen meinem Kleid? Wird es ihm nicht gefallen?«,
+fragte Hana. Nachdem sie keine Antwort erhalten hat, dachte sie kurz
+nach und plötzlich fing sie an den roten Stoff in Fetzen zu zerreißen
+bis die Regentropfen gierig an ihrer nackten Haut klebten und sie
+küssten. Mit dieser Reaktion hatte die Isar nicht gerechnet. So kannte
+sie Hana gar nicht. Sie wütete kreuz und quer, nachdem sie nun ihre
+einzige Ablenkung von der demütigenden Arbeit verloren hatte.<br />
+»Sieh mich an. Das wird ihm doch sicher gefallen. Jetzt muss ich ihn nur
+noch hierher bringen«, lachte Hana und bemerkte bei ihrem Freudentanz im
+Regen nicht die hungrige Bestie hinter ihm. Alle falschen Gedanken, die
+Edgar jahrelang in den Unterrichtsstunden unterdrückte, strömten von der
+Kammer im Gehirn zu seinem spitzen Schwert zwischen den Beinen runter.
+Aus seinem Mund goss der Überfluss an Lust hinaus. Auch er entkleidete
+sich und schärfte seine Klinge. Die Katze, die ihm folgte, sah den
+Wandel nicht kommen. Wieder einmal bestrafte das Leben ihren hart
+erkämpften Glauben an eine bessere Zeit. Sie befürchtete die Ankunft
+einer ungewollten Bekanntschaft und so drehte sie sich um bevor sich
+Edgar auf seine Beute stürzte. Das wilde Tier packte Hana von hinten und
+warf sie auf den Boden. Er verschlang genüsslich den Nacken, ging den
+Rücken entlang runter und hielt mit aller Kraft ihren Mund zu. Wenn auch
+kein Wort von ihrer kleinen Freundin kam, reichten die Laute der Bestie
+aus, die Isar zu alarmieren. Sie sammelte ihre Kraft als Edgar Hanas
+Wundpunkt abtastete, um sie zu erstechen, doch erschrak sich beim
+Einschlag eines Blitzes.<br />
+»Du hältst dich erstmal raus«, übermittelte der Bote den Befehl der
+Königin und instinktiv blieb der Fluss stehen.<br />
+»Mama! Papa soll aufhören! Sag Papa, dass er aufhören soll!«, schrie das
+arme Mädchen, dass Edgars haarigen Finger weg biss, während das Schwert
+einstach. Diese Worte verdeutlichten mit der Nachricht der Sonne
+zusammen die Befürchtungen der Isar, die den Schmerz, nichts tun zu
+können, verschlimmerten. Sie musste zusehen wie Edgar seine Waffe
+hineindrückte. Der ewig blockierte Weg zum Glück war für Edgar geöffnet.
+Er wollte mehr und stach weitere Male ein in das hilflose Opfer, das mit
+diesen Niederlagen schon siebzehn Jahre lang vertraut war. Nichts hielt
+Edgars Rausch auf bis er in seiner linken Pobacke einen Biss spürte. Es
+war ein winziger, aber deutlich störender Schmerz. Als er endlich
+aufstand, war sein mächtiges Schwert zu abgeschwächt und verlor den
+Kampf gegen die Krallen der schwarzen Katze. Die Enttäuschung in den
+grüngelben Augen hinterfragten den Wert seiner Befriedigung. Ein
+erneuter Angriff zwang ihn zu Boden. Sein letzter Gedankenschritt
+bemerkte die Kurzfristigkeit seines heiß erwarteten Glücks. Hana
+schnappte den nächsten handgroßen Stein und zerschmetterte damit das
+Schwert endgültig. Während ihr Gehirn alte Erinnerungen verarbeitete,
+demolierte sie Edgars Gesicht. Das Blut spritzte auf das schwarze Fell
+und wie er es erwartet hatte, lebte der einst begeisterte Mathelehrer
+seinen letzten Tag zu Ende. Wer genau lauschte, konnte das Lachen der
+Sonne hören. Hana hörte aber nicht auf. Die Katze spürte einen kalten
+Schauer über den Rücken laufen, als Hana aus dem Nichts wahnsinnig
+glücklich lachte. Mittendrin änderte sich ihre Motivation hinter den
+Schlägen. Und wie sie es sich erhoffte, umfasste eine große dunkle Hand
+ihre Taille und trug sie zur Seite.<br />
+»Es reicht«, sagte die riesige Gestalt und setzte sich zur Leiche hin.
+Seine erdnahe Stimme berührte Hanas Wundpunkt zärtlich und heilte die
+Schmerzen. Die Schwertscheide war überzeugt endlich das richtige Schwert
+gefunden zu haben. Der maskierte Mann übertraf Hanas Vorstellungen.
+Selbst im Sitzen war er doppelt so groß wie sie und seine breiten
+Schultern hätten für sie ein Bett sein können. Der Bau des Todes war
+nicht mit Männern zu vergleichen. Während der Tod nach einem passenden
+Stein suchte, malte sich das Mädchen alle möglichen Bilder ihrer Zukunft
+mit ihm aus.<br />
+»Du hattest gestern und auch gerade eben deine Gründe. Aber du musst
+aufhören, Kind«, erzählte er vor sich hin und übertrug die Seele Edgars
+in einen Stein. Die Isar war überrascht und verwirrt. Sonst hatte der
+Tod noch nie seine Meinung zu einem Mörder geäußert und das sollte er
+auch nicht. Umso überraschter war sie, als Hana den Tod von hinten
+bekletterte und umarmte. Doch sofort warf er sie zur Seite.<br />
+»Tut mir leid, aber das kannst du nicht machen«, sagte er.<br />
+»Nein, entschuldige dich nicht. Schubs mich. Stoß mich. Schlag mich tot
+und nimm mich mit«, antwortete sie und bekletterte ihn von vorne. Sie
+drückte sein Gesicht in ihren blutbeschmierten Bußen und versuchte dabei
+seine Maske abzunehmen und wieder warf er sie zur Seite, aber erheblich
+rücksichtsloser.<br />
+»Dummes Kind! Red keinen Unsinn«, schimpfte er. Er nahm seinen Umhang ab
+und wickelte sie darin ein. So sehr auch diese kalte Wärme ihren Körper
+erregte, fühlte sie sich diesmal vom Charme des Todes beleidigt.<br />
+»Das ist kein Unsinn. Töte mich sofort und nimm mich mit. Ich will dich
+jede Nacht in mir spüren«, schmollte das Kind zunächst vor sich hin bis
+sie den Zorn des Todes spürte. Seine Aura vergrößerte sich und nahm eine
+unausgeglichene Farbe an, mit der nicht einmal die Isar bisher vertraut
+war. Hana bekam Angst und ehe der Regen sich langsam zurückzog, waren
+auch ihre Tränen zu sehen, jedoch reichte es nicht aus, ihren fest
+verbauten Wunsch im Herzen abzuschrecken. Sie wartete weiter auf den
+Todesschlag. Vermeintlich unbekümmert schloss der maskierte Mann die
+Übertragung der Seele ab, bevor er anschließend den Stein in die Isar
+warf. Der letzte Blitz schlug neben ihr ein. So schwer es ihr auch fiel,
+schleuderte die Isar sich schwungvoll auf ihre kleine Freundin schneller
+als es der Tod merken konnte und entführte sie ins Wasser. Auch Hana,
+qualvoll von der Isar erwürgt, konnte sich vom Wahnsinn in ihren letzten
+Sekunden befreien, als es schon zu spät war. Machtlos fiel der maskierte
+Mann auf die Knie und beneidete die Lebenden um die Fähigkeit zu
+sterben.<br />
+»Ich kann nichts machen. Ich kann es nicht stoppen, liebe Katze. Es tut
+mir leid«, weinte der Tod ohne Tränen.<br />
+»Nein. Entschuldige dich nicht. <em>Du</em> tust mir leid«, sagte sie
+und legte sich neben ihm auf den Rücken. Verhungernd und erschöpft vom
+Kampf besaß sie ebenfalls nicht die Kraft zu weinen. Er kraulte ihr den
+Bauch und wartete auf den Sonnenaufgang bis er zu guter Letzt der
+beschämten Isar die Seele der schwarzen Katze übergab.</p>