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| author | WriterV2 <primary-v2@protonmail.com> | 2023-10-03 15:11:27 +0200 |
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| committer | WriterV2 <primary-v2@protonmail.com> | 2023-10-03 15:11:27 +0200 |
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Add 'Aufbruch und Abbruch'
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diff --git a/stories_html/aufbruch_und_abbruch.html b/stories_html/aufbruch_und_abbruch.html new file mode 100644 index 0000000..e719ffe --- /dev/null +++ b/stories_html/aufbruch_und_abbruch.html @@ -0,0 +1,305 @@ +<p>Meine erste Quest stand vor der Tür. Lange hatte ich darauf gewartet +mit der dreistufigen Heilkunst dem jahrelangen Krieg gegen das +Aussterben der regionalen Drachenarten beizutreten. Schon immer war ich +fasziniert von diesen mysteriösen Kreaturen, die im Stadtkreis +Franzreich leider kaum noch zu beobachten sind. Mit Ehrgeiz und +Leidenschaft eignete ich mir das Wissen, die Fähigkeiten und jedes +notwendige Puzzleteil an. Vorerst musste ich mich noch bei der Gilde für +Heilkünstler anmelden.</p> +<p>Die zentrale Arbeitsverwaltungsstelle befand sich zum Glück direkt +gegenüber meiner Universität, also zehn spontane Minuten südlich von +mir. Natürlich bereitete ich mich sorgfältig vor und sicherte mir eine +Woche vorher jeweils zwei Kopien für alle Nachweise in einer akademisch +anerkannten Feendruckerei in der Nähe. Außerdem zog ich mir stolz die +schwarze Ganzkörperrüstung an, die mir einer meiner verstorbenen +Heilkunstmeister geschenkt hatte. Ausgerechnet an diesem Tag war der +kürzeste Weg aufgrund eines Streiks gegen den Franzreicher +Drachenverband blockiert. Dementsprechend musste ich einen Bogen um das +Gebiet des Streiks machen, um letztendlich über den südlichen Eingang +reinzukommen. Die Menschenmenge war wütend und laut.<br /> +»Tötet die Drachen! Tötet das Böse!«, sangen sie empört im Marschtempo. +Meistens waren es Kinder und Enkelkinder von den Opfern der +Drachenattacken vor Jahrzehnten, weshalb ich hitzige Diskussionen mit +ihnen stets vermied. Teilweise verstand ich auch das entfachte Feuer. +Der Stadtrat konnte sich die geplanten Mittel für die Unterstützung +aller regionalen Drachenstämme nicht leisten. Der Verband, der für diese +Entscheidung gekämpft hatte, unterstützte den Rat bei diesem Vorgehen +lediglich mit einem irrelevant kleinen Beitrag. Nun waren anderweitige +Abzüge geplant, die das Leben aller Menschen hier gefährdete. Die +zahlreichen Baustellen auf der Hinterseite dieses Denkmals unterstrichen +diese Gefahr. Manche von ihnen sind älter als ich und bei der Intensität +der Demonstrationen konnte die Hinterseite jederzeit einbrechen. Die +Schreie auf der anderen Seite konnte man vermutlich selbst außerhalb der +Stadt noch hören. Die nervigen Glockenschläge ließen vermuten, dass +immer mehr Aufsichtspersonen dazu kamen und das war noch nie ein gutes +Zeichen. Doch selbst bei diesem Chaos versammelten sich Touristen aus +jeder Ecke unserer Welt vor dem Eingang des riesigen Bauwerks und +staunten wortlos. Von vorne war das von der antiken Feenarchitektur +inspirierte Komplex aus überwiegend Gotenrot-Granit auch für einen +gebürtigen Franz wie mich überwältigend. Auch die Verdopplung der Zeit, +die ich zum Standort gebraucht hatte, ruinierte mir die Vorfreude nicht. +Endlich war es soweit!</p> +<p>Drinnen stellte ich mich in der Hitze an der Schlange zur Rezeption +an. Ob mit oder ohne Termin, mit oder ohne Vorwissen, mit oder ohne +Beschäftigung im Gebäude, musste sich jeder Besucher der vierundachtzig +Bereiche auf den neunzehn Etagen verteilt an der zentralen Meldestelle +in der ersten Etage anmelden. Die Bereiche selber konnten zusätzlich +ihre eigene Bereiche in den Weg stellen. Zumindest waren die großen +Fenster offen und auch aufgrund der Größe der Halle war frische +Luftzufuhr kaum ein Problem. Die Schlange in ihrer Länge würde vertikal +mit Sicherheit die Höhe des riesigen Gebäude übertrumpfen. Alle paar +Minuten bewegten wir uns alle einen Schritt vor. So verging bereits eine +halbe Stunde. Doch ich konnte die Wartezeit mit einem raus gerissenen +Zeitungsartikel über die Forschung der vierstufigen Heilkunst +verringern, wobei ich ehrlich gesagt aufgrund der Unruhe im Haus im +ersten Absatz hängen geblieben bin. Nebenbei jammerte die ganze Zeit ein +älterer Herr vor mir über den teuflischen Ursprung der Drachen. Er +spuckte große Töne wie er alleine alle Diener des Teufels vertreiben +könnte. Der Streit des Ehepaars hinter mir machte es nicht erträglicher. +Manchmal standen eben fade Hindernisse auf dem Weg zum Traumberuf und +jeder Franz, vielleicht auch jeder Mensch, musste damit leben.<br /> +»Ja. Bitte?«, begrüßte mich eine erschöpfte Stimme als ich erleichtert +vorne angekommen war. Ich schüttelte mir meine Frust ab auf die +Hoffnung, dass es hiernach schnell ginge.<br /> +»Guten Tag. Ich möchte mich bei der Gilde für Heilkünstler anmelden«, +sagte ich.<br /> +»Welche Art?«, fragte sie routiniert.<br /> +»Heilkunst für Drachen«, antwortete ich. Ihr grimmiger Blick verriet mir +ihre Meinung über meinen zukünftigen Beruf. Das war ich gewohnt. Sie +schob mir ein Blatt mit einer grünen Feenfeder zu.<br /> +»Name. Geburtsdatum. Unterschrift«, sagte sie und fing an ihre dutzende +Schubladen zu durchstöbern. Dies erledigte ich schnell. Da sie noch +nicht bereit war, las ich sicherheitshalber den Inhalt des Dokuments +durch, was im Endeffekt nur die Speicherung des Protokolls, das ich +ohnehin nicht ablehnen konnte, beinhaltete. Während sie in einen anderen +Raum verschwunden war, überprüfte ich nochmal meine Unterschrift +gelangweilt und verzierte sie mit fehlgeschlagenen Korrekturen.<br /> +»Da haben wir es endlich«, schnaufte sie. Nach ein paar Kreuzen auf den +drei Skripten überreichte sie mir diese.<br /> +»Erster Raum links in der dreizehnten Etage«, befahl sie mir und wand +sich an die nächste Person. Dies überraschte mich, da ich bei meinen +vergangenen Ausflügen gelernt hatte, dass sich alle Räume für die +Heilkünstler Gilde in der zweiten Etagen befänden. Ich hatte vor, sie zu +bitten meine Unklarheiten aufzuklären. Nur war sie bereits im nächsten +Gespräch vertrieft und ignorierte mich. Die erschreckend erstreckende +Schlange stimmte ihrer Entscheidung zu.</p> +<p>Dreizehn mal dreißig Treppenstufen ging ich schwitzend hoch und las +mir dabei die Skripte für das Personal durch bis es anfing durch die +Fenster zu regnen. Zunächst klang ein Gewitter nicht weit entfernt bis +ich feststellen musste, dass es in Wirklichkeit Explosionen bei den +Demonstrationen waren. Bevor ich in meinen Verzweiflungen über den Weg +nachhause versinken konnte, betrat ich oben angekommen einen winzigen +Raum, der überraschenderweise leer gewesen ist. Selbst an der Theke +stand niemand. Ich überprüfte nochmal den Raumnamen und es sollte der +richtige Ort sein.<br /> +»Komme gleich!«, rief jemand aus dem gegenüberliegenden Zimmer. Der +junge, offensichtlich überforderte Mann, der in seinem Schweiß duschen +durfte, kam schnell zu mir angerannt.<br /> +»Heilkunst für Klein-und Mitteldrachen? Richtig?«, fragte er. Ich haute +mir auf die Stirn mit einer bösen Vorahnung beim Klang des von ihm +erwähnten Zusatzes und bestätigte seine Vermutung.<br /> +»Ich bitte um Verzeihung. Sie finden die Anmeldung der Heilkünstler für +Klein-und Mitteldrachen in der zweiten Etage ganz hinten rechts«, sagte +er und nahm sich Luft, um Genaueres zu erklären, konnte allerdings an +meiner Reaktion ablesen, dass ich mir der Problematik bewusst geworden +bin. Ich bedankte mich bei ihm und machte mich auf den Weg runter.</p> +<p>Vor hunderten Jahren unterschied man zwischen dem Zweig der +vollständig anerkannten Heilkünstler für Drachen und dem für Klein-und +Mitteldrachen. Letzteres beschränkte sich auf kleinere, weniger riskante +Aufträge, eigentlich unabhängig von der Größe der Drachen, und machte +den Beruf mit niedrigeren Gebühren zugänglicher. In der Praxis wurde +diese Unterteilung nach Ende des Kriegs durch das Stufensystem ersetzt, +welches eine stets an den wissenschaftlichen Fortschritt gebundene +Bewertung der Kompetenzen ermöglichte. Akademisch sind beide Zweige +weiterhin vorhanden. Jedoch unterscheidet sich der Stoff kaum, weswegen +sich keiner für den teuren Weg entscheidet und kaum noch eine +Universität diesen anbietet. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der +Zusatz <em>für Klein-und Mitteldrachen</em> weggelassen. +Nichtsdestotrotz hätte ich besser aufpassen müssen. Ich war enttäuscht +von meiner Dummheit, die mir eine handvoll Zeit kostete.</p> +<p>Meine Kleidung unter der Rüstung war durchnässt vom Schweiß und ich +konnte nicht mehr klar denken. Wieder beschuldigte ich mich selber für +die Wahl meiner Kleidung. Der richtige Raum war nicht viel größer und +nicht weniger leer. Wenigstens konnte ich mich auf eine bequeme Bank +hinsetzen, nachdem ich einem Mitarbeiter die Skripte überreichte und im +Gegenzug ein Los mit der Zahl dreizehn erhielt.<br /> +»Du, langsam habe ich keine Geduld mehr. Bei den Brüdern hatte ich +keiner dieser nervigen Prozesse«, meckerte ein erschöpfter Bube, etwa in +meinem Alter, zu seinem etwas älteren Kollegen.<br /> +»Sag das doch nicht so laut, du Dummkopf«, flüsterte der Andere. Darüber +sollte man sich tatsächlich nicht in der Öffentlichkeit unterhalten. Die +Drachenbrüder Gemeinschaft ist eine kriminelle Organisationen, wenn +nicht sogar eine kleine Streitmacht, mit dem Ziel den Frieden zwischen +Drachen und Menschen zu etablieren. An sich teilte ich diesen Gedanken, +doch alle Verfechter dieser Harmonie mit Drachenattacken umzubringen, +erschien mir nicht als eine sinnvolle Lösung. Auch wenn jede Menge +offensichtliche Lügen über sie verbreitet wurden, hielt ich immer einen +großen Abstand zu ihnen. Einzig und allein mein bester Freund, der erst +vor kurzem einen hohen Rang bei den Brüdern erhielt, war mein Draht zu +ihnen. Beinahe wäre unsere Freundschaft an seiner Entscheidung +gebrochen. Wenn man sich aber erstmal in diese Dunkelheit verirrte, +konnte man es schwer hinaus schaffen, weshalb ich sofort einen großen +Respekt vor den beiden hatte.<br /> +»Dreizehn«, rief die Dame an der Theke. Das war meine Zahl. Es war mir +etwas unangenehm vor den zwei, die schon vor mir hier waren, aufgerufen +zu werden. Ich überlegte mir, ob ich mich bei ihnen entschuldigen oder +gar ihnen den Vortritt überlassen sollte. Letztendlich habe ich beschämt +versucht ihre Blicke zu ignorieren.<br /> +»So. Grüß Gott«, begrüßte sie mich oder auch nicht und überflog zunächst +die drei Skripte, die eigentlich für jeden Bewerber hier gleich sein +sollten, doch mit Sicherheit hatte eine Überprüfung gute Gründe. Im +Grunde zählten die Papiere nur die Voraussetzungen für die Anmeldung und +die notwendigen Beweise auf, geschmückt mit einigen ausführlichen +Wiederholungen, um juristischen Fallen auszuweichen.<br /> +»Dürfte ich Sie bitten mir Ihr Zeugnis vorzulegen«, fragte sie mich +nett. Meine Dokumente waren zum Glück in Ordnung. Ich legte direkt alle +vor, sodass sie sich nacheinander das nötige selber nehmen konnte.<br /> +»Bitte erstmal nur das Zeugnis«, sagte sie. Die beiden Ex-Drachenbrüder +da hinten kicherten. Beschämpft nahm ich alle zunächst irrelevanten +Dokumente zurück.<br /> +»Die korrekte Bewertung für meine Tempomathematik Leistungen steht am +Ende des Briefs der Prüfungskommission. Da wurde ein Fehler erst nach +der Zeugnisvergabe gefunden«, erklärte ich als sie beim Anblick meines +Zeugnisses für die dreistufige Heilkunst verwirrt grübelte.<br /> +»Aha. Ja, das macht Sinn«, sagte sie, ehe sie am Ende des Briefs +angekommen wieder eine Hürde bemerkte, die ich ebenfalls erwartet +habe.<br /> +»Es tut mir leid, aber wir haben hier ein Problem. Sehen Sie?«, fragte +sie mich und zeigte auf das Datum im Stempel, welches nicht mit dem oben +in der Kopfzeile vermerkten Datum übereinstimmte.<br /> +»Das habe ich sogar in der Universität angemerkt als ich den Brief +erhalten habe und sie hatten mir versichert, dass dies kein Problem +sei«, antwortete ich schnell.<br /> +»Sicher wird sowas hier und da mal übersehen. Aber ich kann das leider +nicht durchgehen lassen. Wir sind ja hier keine kriminelle Bande«, +merkte sie lachend an und schielte dabei zu den beiden Jungs +hinten.<br /> +»Wir können es so machen. Ihre Universität ist ja gleich nebenan. Ich +schreibe kurz einen Brief, den sie am besten jetzt direkt dort abgeben +und sobald sie die Korrektur mit einem validen Datum erhalten haben, +können Sie sich wieder hier melden«, schlug sie vor und schaute auch +dabei nicht mir in die Augen, sondern erneut zu den ehemaligen +Drachenbrüdern. Ich nickte schweigend, weil ich nicht anders wusste. +Musste ich unbedingt das Opfer in diesem idiotischen Kräftemessen sein? +Sie verschwand in ein Hinterzimmer und wieder vergingen sinnlose +Minuten. Mir waren die Gründe für diese absurd ineffiziente Prozesse +durchaus bewusst. Gerade in einer solch lebendigen Umgebung wie +Franzreich konnte man nicht auf einfache Wege ausweichen. Doch langsam +fühlte ich mich veräppelt. Ich war mir hunderprozentig sicher, dass +dieses doofe Datum ohne die Anwesenheiten der beiden Jungs kein +Stolperstein gewesen wäre. Eine Weile später kam die Frau zurück mit +einem entsetzten Blick.<br /> +»Es tut mir leid. Wirklich, es tut mir vom Herzen leid. Wir haben keinen +Feenstaub mehr. Könnten Sie sich bitte noch ein wenig gedulden bis der +Nachschub kommt?«, fragte sie. Ich sammelte verstummt meine Dokumente +ein, wartete eine ganze Stunde und erst nachdem die beiden Knaben nach +einer hitzigen Diskussion wütend den Raum verließen, bekam ich den Brief +zu Händen. Ich stampfte raus und gewährte keiner Entschuldigung Zutritt. +Wie ich die Universität nun erreichen sollte, war mir nicht bewusst. Ich +musste mir das Geschehen erstmal mit den eigenen Augen ansehen.</p> +<p>Der Rauchqualm, der warme Regen und die zahlreichen blutigen +Körperteile auf der ganzen Straße verteilt ekelten mich an. Draußen +hatte sich die Lage überhaupt nicht beruhigt. Im Gegenteil, der Weg zur +anderen Straßenseite musste zusätzlich mit Gitter abgesperrt werden. +Unsere beliebte kompetente Stadtaufsicht hatte keine Kontrolle mehr. +Gewalt war die letzte und wie immer die einzige Option. Langsam +entwickelte sich eine primitive Schlacht auf engsten Raum. Spitze Pfeile +und aus Dreck geformten Bälle flogen in alle Richtungen. Schwerter +schlitzten Arme und Beine auf. Blut bekleckerte die weißen Kleider. Dies +geschah nicht zum ersten Mal und Mitleid hatte ich für keinen dieser +Sturrköpfe, ganz egal ob sie nun weiße Mäntel oder graue Helme trugen. +Sie alle versuchten die Verlierer und Opfer dieser Schlachten zu sein, +um ihre Richtigkeit zu stärken. Mutig und erbärmlich waren diese +Parteien. Nichtsdestotrotz grenzte diese Auseinandersetzung diesmal in +ihrem Ausmaß an einem Bürgerkrieg. Geduldig wartete ich ab bis sich eine +winzige Lücke ergab. Ich klaute mir den großen Schild einer gefallenen +Aufsichtsperson und meine Rüstung hatte ich bereits an. Langsam, sicher +und nicht allzu auffällig stoß ich mich vor. Einfach war es auf keinster +Weise. Ich hatte keine Kampferfahrungen. Meine Verzweiflung führte mich +zu diesem dummen Weg und zurück konnte ich nicht mehr. Manche +geschwächte Körper schubste ich weg und hier und da war eine Faust +notwendig. Als schließlich ein hochrangiger Kommandant meine +Verteidigung mit einer großen Axt durchbrach, spürte ich im nächsten +Moment einen Schlag mit einer Keule auf meinen Hinterkopf. Der +Angreifer, von der Stimmung angesteckt, schlug weiter auf mich bis er +eine neue Beute fand. Am Boden liegend sah ich sowohl die Demonstranten, +als auch die Aufsicht, über mir. Ich sah die Erinnerungen meines kurzen +Lebens und meinen hartnäckigen Weg zu meinem Traum vor mir. Was niemand +kommen sah war das Wildtier mit dem gefürchteten Horn. Gefühlt platzten +in einem einzigen Augenblick eine handvoll blutgefüllte Ballons auf. Ein +seltener Drache, der aufgrund seines Gewichts, nicht fliegen konnte, +stürmte auf die Straßen, stoß dutzende Männer und Frauen weg und +durchschlitzte meine linke Schulter mit seiner spitzen silbernen +Jagdwaffe auf der Schnautze. Die Silberspitzbestie zog mich mit zurück +zum Eingang der Arbeitsverwaltungsstelle und bewahrte mich vor meinen +fast sicheren Tod. Das Adrenalin verdrängte meinen Schmerz als ich +zusehen musste wie weitere Drachen, die wir nur aus Bücher kannten, alle +Hindernisse durchmätzelten. Diese Überraschung zwang die dummen Menschen +zur temporären Beilegung ihrer Konflikte. Sie trugen nun alle rot und +gemeinsam konnten sie der doch kleinen Gruppe an Drachen jede Menge +Schaden anrichten. Die Silberspitzbestie fiel zu Boden und blutete aus +den großen gelben Augen. Ich befreite mich aus der Spitze und beschützte +als Schwächlich naiv das Tier vor weiteren Angriffen. Aus dem nichts +umrahmten uns einige Rauchbomben. Tatöwierte schwarzgekleidete Soldaten +stürmten das Schlachtfeld. Dass die Drachenbrüder hinter diesem Angriff +standen, sollte keine Überraschung sein. Sie ermöglichten mir und der +Bestie die Flucht.</p> +<p>Unabhängig von unseren politschen Differenzen, half ich ihnen das +große Tier in das Foyer der ersten Etage zu schleppen. Vor Angst +zappelte es unaufhaltbar rum. Die Bürger liefen panisch weg. Einer der +tatöwierten Krieger nahm eine Flasche mit einer blauen Flüssigkeit aus +der Tasche und ohne groß zu überlegen warf ich ihm diese aus der Hand +weg.<br /> +»Bist du verrückt? Daran würde jeder Drache sterben. Das weiß man doch«, +schimpfte ich, bevor ein weiterer Drachenbruder mich auf den Boden warf +und anschließend meine blutende Schulter genauer anschaute.<br /> +»Das ist für dich, du Schlaumeier«, lachte mich eine bekannte Stimme +aus. Mein bester Freund, versteckt hinter der Maske, die einen +Drachenbruder-General kennzeichnet, schüttete mir ein paar Tropfen von +einer weiteren Flasche mit Himmelfeuersaft in den Mund. Dieser Trank +wurde aufgrund der extremen Suchtgefahr in allen Kreisen der Welt +gebannt, doch in kriegerischen Zeiten galt es als eine Geheimwaffe der +Menschen gegen die Drachen. In wenigen Sekunden war mein Körper betäubt +durch den Trank, der einen Drachen zum Tode erhitzen konnte.<br /> +»Während du hier operiert wirst, kannst du uns ja mit deinen +<em>akademisch anerkannten</em> Heilkünsten beraten wie wir unseren +großen Feund retten«, schlug der General vor. Zwei der drei Brüder, die +sich um meine Schulter kümmerten, waren ausgerechnet die beiden Knaben +bei der Anmeldung vorhin. In meinem Zustand hatte ich nicht wirklich +eine Entscheidungsfreiheit. Mein bester Freund und seine Kollegen waren +nicht dumm, sogar überaus kompetent mit mehr Praxiserfahrungen als ich. +Dennoch respektierten sie mein Wissen genug, um meine Anweisungen ohne +Wiederworte zu befolgen. Gemeinsam stoppten wir die Blutung. +Nichtsdestotrotz bedarf es sicherheitshalber die dritte Heilstufe, um +der Silberspitzbestie eine gesunde Zukunft zu verschaffen. Hierfür +brauchte ich meine eigene Hände, um schnellstmöglich meine Gedankenzüge +verstehen und umsetzen zu können. Wir warteten eine kurze Zeit, in der +die Wirkung des Saftes nachließ und die Brüder mir keine Chance gaben, +mich von den Auseinandersetzungen mit den Mitarbeitern der +Arbeitsverwaltungsstelle, ablenken zu lassen. Meine Nervösität ließ mich +zittern als es soweit war. Zum ersten Mal wand ich die dritte Heilstufe +an einem lebendigen Lebewesen an. Das schwache Schnaufen des Drachens +und die gelben Augen, die in meinen Augen nach einer gesunden Zukunft +sehnten, gaben mir die notwendige Mut. Mit Bedacht und höchster +Konzentration bearbeitete ich die Augenlider mit Messern, die nicht für +diese Anwendung ausgerichtet waren. Ob die Verfechter der Drachen für +einen kurzen Moment Empathie für diese Kreatur lernten oder durch die +Freunde der Drachen verstummt wurden, wusste ich nicht. Jedenfalls war +es ruhig im Saal. Nur das Schnaufen des Tiers und die partikelgenauen +Messerstiche warfen abwechselnd einen Schall hin und her bis die Bestie +in einen tiefen Schlaf fiel. Die Akademie hatte mich nicht auf die +Emotionen vorbereitet, die ich empfand als am nächsten Morgen nach einer +teilweise schlaflosen Nacht die große raue Zunge der Silberspitzbestie +mein Gesicht liebevoll abschleckte. Ein Mitglied der Gilde für +Heilkünstler war ich nicht. Aber mit dem Wissen und den Kenntnissen, die +meine Meister und Vorbilder mir lehrten, rettete ich ein Leben. Auch die +Brüder teilten das Glück mit mir und zunächst boten sie mir eine +Goldbelohnung an, das ich ablehnte. Wenn auch mit Sicherheit mein bester +Freund sich diese Entscheidung erhoffte und mich dazu trieb, bin ich +eigenwillig am ersten Tag des modernen Franzreicher Bürgerkriegs, einen +Tag nachdem ich einer Kreatur Leben gab, die daraufhin im nächsten Jahr +tausenden Menschen das Leben nahm, zu einem Heilkünstler für Drachen bei +den Drachenbrüder geworden. Auch meine loyalsten Zellen bezweifeln +nicht, dass ich damit meine moralischen Idealen hinterging. Ich habe +mich aber nicht in die Dunkelheit verirrt. Nein, ich bin aus dem +Labyrinth ausgebrochen.</p> |
