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<title>Wege zum Tod - Vithuran Vishnuthas</title>
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Vithuran Vishnuthas
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<h2>Wege zum Tod</h2>
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<div class="story-text"><p>Am farbenfrohen Morgen ihres letzten Tages saß die siebzehnjährige
Hana im Blickwinkel der selbstbewussten Sonne am Isarufer in einem roten
Ballkleid. Ihre kurzen schwarzen Haare tanzten zum angenehmen Gesang des
Windes mit. Weder die zwei Möwen neben ihr, die weggeworfene Tüten nach
Essen absuchten, noch die laute Schlagermusik oben auf der
Reichenbachbrücke, weckten sie beim Tagträumen auf. In ihren chaotischen
Gedanken suchte sie nach einer Antwort auf die Frage, die in ihrem
Gehirn eingenistet war. Auf ihrem leicht geschminkten Gesicht vermehrten
sich die Fragezeichen bis kein Platz mehr übrig war und ihre natürliche
Röte das Rouge übertönte. Die Isar kicherte vergnügt.<br />
»Du siehst ja heute wunderschön aus. Gibt es einen speziellen Anlass?«,
fragte sie. Der Fluss, der das Leben der Münchener hin und auswendig
kennt, hat für Hana einen besonderen Platz im Herzen.<br />
»Ich frage mich selber die ganze Zeit warum ich es heute angezogen
habe«, beklagte Hana und fasste sich an den Kopf.<br />
»Hast du mal die Entscheidung nachgespielt?«, fragte die Isar. Die Sonne
musste lachen beim Anblick des verwirrten Blicks, der als eine Antwort
reichte. Gerade diese naive Leichtigkeit des Mädchens löste beim
täglichen Quatschen die ältesten Probleme der Isar auf, wenn auch nur
für den Moment.<br />
»Du könntest dich wieder vor deinen Kleiderschrank stellen, sodass du
die möglichen Einflüsse nochmal wahrnehmen kannst«, erklärte die Isar
ausführlicher. Konzentriert schaute Hana in die Ferne und verarbeitete
die Worte des Flusses bis sie vor Freude aufsprang und damit die Möwen
verscheuchte.<br />
»Das ist eine geniale Idee …Mit dem Kleiderschrank von Papa funktioniert
das auch, oder?«, fragte sie zögerlich. Der große Stern am Himmel lachte
das Kind weiter aus.<br />
»Wenn da das Kleid drinnen war, ja«, antworte die Isar geduldig. Sofort
machte sich Hana auf den Weg nachhause.</p>
<p>Im Gegensatz zu Hana, wusste Edgar bereits, dass es sein letzter Tag
sein wird. Niemand prophezeite ihm diese Wahrheit. Es war ihm grundlos
selbstverständlich. Der Mann, der normalerweise jeden Morgen gepflegt
und vorbereitet als Erster in der Schule erschien, um etlichen Klassen
die Kunst der Mathematik einzutrichtern, spazierte unbekümmert am
Marienplatz in seinem grauen karierten Pyjama, nachdem er seinen Bauch
in seinem Lieblingslokal gefüllt hatte. Vor dem Tod wollte er noch
seinen Geldbeutel zu seinem Vergnügen entleeren. Ein Drei-Gänge-Menü zum
Frühstück sättigte zwar einen Hunger, aber nicht den <em>anderen</em>
Hunger. Er betrat ein kleines Modegeschäft, welches im Schaufenster eine
schwarze Lederjacke für Frauen präsentierte. Es war allerdings nicht die
Jacke, die sein Interesse gewann. Vor sich hin murmelnd studierte er
seine Frage ein, bevor er sich zur Kasse begab.<br />
»Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Kassiererin. Die
Wörter, die ihm auf der Zunge lagen, schluckte er beim Lachen wieder
runter. Bei jedem Ansatz fing er erneut an zu lachen. Schließlich zeigte
er auf die schwarze Lederjacke.<br />
»Möchten Sie die Jacke kaufen?«, vergewisserte sich die Kassiererin. Er
schüttelte den Kopf.<br />
»Nein, aber wie viel kostet die Schaufensterpuppe?«, quietschte er aus
seinen zitternden Lippen raus bevor er sich seine Seele schlapp lachte.
Es dauerte ein wenig bis er merkte, dass weder die Kassiererin, noch die
anderen Kunden in der Schlange, seinen Humor schätzten. Dieser peinliche
Moment sollte dem sterbenden Mann eigentlich nichts bedeuten. Dennoch
stampfte er wütend raus und betrat die gegenüberliegende Boutique, wo er
tatsächlich eine Schaufensterpuppe zu einem Preis von zehn Lederjacken
kaufen durfte.</p>
<p>Etwa fünf Minuten südöstlich von ihm entfernt, bestaunte am
Viktualienmarkt eine hungrige schwarze Katze die leckeren Gerüche, die
sie allerdings nicht von ihrem Kummer ablenken konnten. Sie entschied
sich dazu nie wieder nachhause zurückzukehren. Schließlich hatte sie
niemanden mehr. Das einzige Familienmitglied, das sie wirklich Familie
nennen konnte, war der Hund. Mit dem Border Collie hatte sie jeden Tag
gespielt und jede Nacht gekuschelt. Auch wenn die Besitzer jedes Spiel
als Attentat interpretierten und immer wieder darüber diskutierten sie
wegzugeben, wurden die Wunden der depressiven Katze von ihrem besten
Freund geheilt. Nach einem unerwarteten Unfall nahm der Tod ihr
allerdings auch dieses Glück weg. Es war nicht ihre erste Begegnung mit
dem Tod. Wo immer sie auch hinging, nahm der maskierte Mann ihr die
Liebsten weg. Sie flüchtete nun nicht, weil die Besitzer ihr die Schuld
für den Tod des Hundes gaben, sondern weil sie es selber tat und sich
endgültig isolieren wollte. Eine ältere Dame, überwältigt von der
Hilflosigkeit der trauernden Katze, näherte sich vorsichtig an. Ehe die
Katze es bemerkte, lief sie auch vom Viktualienmarkt weg und suchte ein
Versteck.</p>
<p>In der engen Einzimmerwohnung in der Eduard-Schmid-Straße angekommen,
bemerkte Hana als erstes, dass ihr Vater weiterhin auf dem Boden vor dem
Kühlschrank schlief und einen tödlichen Gestank annahm. Aus dem Schrank
ihres Vaters nahm sie also einen beruhigenden Lavendel Parfum und
sprühte das Flakon leer, sodass auch die Fliegen wegflogen. Dann stand
sie endlich vor dem Schrank, wie die Isar es ihr empfohlen hatte, und
wartete auf die Magie. Sie geduldete sich ein paar weitere Sekunden,
doch sie wusste immer noch nicht, warum sie das rote Kleid ausgewählt
hatte. Im Spiegel sah sie wie dreckig und unordentlich es geworden ist,
was sie beunruhigte, da es das letzte Geschenk ihrer Mutter war. Zwar
war ihr die Schule mittlerweile egal, doch zum Abschlussball wollte sie
dennoch hingehen. Nach ein paar weiteren Versuchen, wo sie kräftig in
Höchstleistung ihr Gehirn arbeiten ließ, lag sie sich erschöpft auf das
Bett hin, welches sie sich ebenfalls mit ihrem Vater teilte.
Gestreichelt von den warmen Sonnenstrahlen, schlief sie noch ein,
während der Lavendelduft noch am Leben war, und träumte von einer
schwarzen Maske.</p>
<p>Bis zur Mittagsstunde verstärkte sich Edgars Selbstbewusstsein mit
jedem vermeintlich sinnlosen Einkauf. Er ließ die Schaufensterpuppe, die
seinem Ego genug gedient hatte, mitten auf der Straße liegen, sodass er
beide Hände freihatte für seine Einkaufstüten. Eine beinhaltete
zweihundertfünfzig Stück Stahlnägel, einen Klauenhammer und ein
übertrieben langes Hanfseil. In der anderen Tüte trug er einen schwarzen
Bademantel aus reiner Baumwolle und jede Menge Spielzeuge, die ihm
vorher zu teuer erschienen. Schließlich war nicht nur sein Geldbeutel
leer, sondern auch sein Konto. Am Viktualienmarkt angekommen, knurrte
sein Magen bereits. In diesem Moment hinterfragte er einige
Konsumentscheidungen. Von Stand zu Stand nahm sein Hunger zu, jedes
kindliche Lächeln verführte ihn und die Verzweiflung über den Geldmangel
für den Rest des Tages wuchs. Da bemerkte er eine junge Dame, deren
Designerklamotten und Goldschmuck laut und deutlich nach Wohlstand
schrien. Unauffällig fing er an sie zu verfolgen. Ständig überprüfte er
die Menschenmenge um sich herum. Die Straßen waren an diesem
wunderschönen Sommertag überfüllt. Die Sonne beobachtete das Geschehen.
Sie rief den Regen und das Gewitter herbei.<br />
»Hinterfrage nicht deinen Willen. Du hast es verdient«, flüsterte sie
Edgar zu, bevor sie sich verabschiedete. Sofort wurde es leerer und auch
die Frau, überrascht wie alle anderen, lief schneller. Edgar verfolgte
sie weiter bis sie in einem Fußgängertunnel stehen blieb und das
Unwetter abwartete. Er entpackte das Seil vorsichtig und näherte sich
ihr an als sie sich plötzlich umdrehte.<br />
»Das Wetter ist heutzutage ein wahres Hexenwerk, nicht wahr?«, sagte sie
und schaute wieder raus ohne das Seil in seinen Händen bemerkt zu haben.
Schockiert und erleichtert in derselben Sekunde wartete Edgar nicht
länger und brachte das Seil um ihren Hals, um sie zu erwürgen, doch ein
wütender Schrei eines Mannes und dessen Schritte hinter ihm, bezwangen
seinen Mut. Er schubste die Dame auf den Boden und lief weg. All seine
Einkäufe ließ er liegen und dabei bemerkte er nicht einmal, dass die
schwachen Beine des alten Mannes ihn längst nicht mehr verfolgten.</p>
<p>In einem ihr unbekannten Gebiet irgendwo in der Isarvorstadt
versteckte sich die schwarze Katze unter einem Auto. Auch wenn die Kälte
den Kampf gegen den Hunger schwieriger machte, fühlte sie sich im Regen
wohler. Das traurige Wetter reflektierte ihre Gefühlslage haargenau und
die leeren Straßen dämpften ihre Angst. Eigentlich wollte die Katze
nicht einsam und alleine sein. Ihr ganzes Leben war sie auf der Suche
nach Liebe und Zuneigung. Doch diese zu verlieren, schmerzte ihr mehr.
Sie war darauf eingestellt bis zu ihrem Tod zu verhungern bis auf einmal
eine dunkle Hand einen Napf mit Katzenfutter zu ihr stellte. Das kluge
Tier war nicht dumm. Natürlich war es eine Falle. Allerdings konnte sie
dem Geruch vom Huhn mit Distelöl nicht lange widerstehen. Nach einigen
Minuten verlor sie die Geduld und genehmigte sich das Futter anzunehmen.
Hastig verschlang sie eine Portion und genoss jeden Bissen. Als der
Selbstlose den Napf nachfüllte, konnte sie ihn identifizieren und wich
sofort zurück.<br />
»Bitte lass mich in Ruhe«, miaute sie und ließ den maskierten Mann
enttäuscht im Regen stehen. Wenn er weinen könnte, würde er es tun,
während er über die früheren Begegnungen mit der Katze dachte. Die
Sirenen eines Krankenwagens in der Nähe führten ihn zurück zu seiner
Arbeit.</p>
<p>»So einfach kann man sein Leben verschwenden«, war der erste Gedanke
als Hana nachmittags aufwachte, nachdem die Türklingel endlich in ihren
Ohren angekommen war. Sobald sie die Tür aufmachte, blickte die
Nachbarin mit tränenden Augen zur Leiche und nahm Hana in die Arme. Mit
einem Taschentuch hielt sie sich die Nase zu und beugte sich runter zu
Hanas toten Vater.<br />
»Jetzt verlässt <em>du</em> das arme Kind auch noch. Du musstest
unbedingt dein ganzes Leben bis zum Tod mit Alkohol und Tabak
verschwenden«, weinte die Grauhaarige und führte anschließend Hana zu
ihrer Wohnung. Diesen Worten entnahm das Mädchen einen großen Hinweis.
Der Weg zur Lösung leuchtete und auf einmal war alles einfach.<br />
»Ruh dich hier aus, Schätzchen«, sagte die Nachbarin bevor sie sich dem
Telefon wand. Der Tod des Vaters bereite der Tochter keinen Kummer.
Stattdessen beschäftigten sich ihre Gedanken mit der endlich vollendeten
Magie in ihrem Kopf.<br />
»So einfach kann man sein Leben verschwenden«, wiederholte sie. Ihre
Frage hatte eine Antwort gefunden. Sie erinnerte sich für wen sie das
rote Kleid angezogen hat. Auch nur der Gedanke an diese tiefe,
beruhigende Stimme, die sie gestern im Schlaf gehört hat, zersprengte
fast ihren Körper, der mit Lust überfüllt war. Das Mädchen machte sich
einen Bild von ihrem Traummann, der als einziger groß und breit genug
war, um ihre versteckten Sorgen warm zu empfangen. Seine Wucht und
Dominanz würden jede Nacht ihre Unsicherheiten auslöschen. Nicht mal
seinen, von der schwarzen Maske überdeckten, Blick würde sie mit einer
anderen Frau teilen wollen. Er gehörte ihr ganz alleine. Für ihn musste
sie die Schönste sein. Einerseits konnte sie nicht glücklicher sein.
Andererseits bereitete ihr der Zustand ihres Kleids umso mehr Sorgen.
Begleitet von Blitz und Donner machte sich Hana erneut auf den Weg zur
Isar, um ihr von ihrem baldigen Partner zu erzählen. Es war der Tod.</p>
<p>Geplagt von den Enttäuschungen, die seine hohen Erwartungen für
diesen letzten Tag, zertrümmerten, vergoss Edgar auf der
Reichenbachbrücke wütende Tränen, die gemeinsam mit den Regentropfen in
die Isar platschten. Am letzten Tag wollte er vergessen und nicht
zurückhalten. Sein ganzes Leben unterrichtete er seinen Klassen, dass
die Mathematik, trotz ihrer Macht und Richtigkeit, nicht alles
beantworten konnte. Stets glaubte er an die Lücke im Determinismus und
an die menschliche Fähigkeit den gutherzigen Weg zu wählen. Jedoch stieg
seine verbotene Lust in gleichen Zügen. Als ihm schließlich bewusst
wurde, dass er seinen letzten Tag erleben werde, fiel es ihm zu einfach
den Glauben an einen Sinn der Moral zu verlieren. Noch war der Tag der
Freiheit nicht zu Ende. Auch beruhigte ihn das Verständnis der Sonne.
Allerdings fragte er sich, ob sie denn seinen tatsächlichen Willen
kannte. Blitzschnell fand er darauf eine Antwort als er einem Blitz
ausweichen musste.<br />
»Die Königin weiß alles. Du sollst keine Angst haben«, zischte ein
blauer Bote und verschwand. Die schwarze Katze, die an ihm vorbeiging,
war zu verblendet von seiner Trauer, um seine unkontrollierbar steigende
Wut zu sehen. Vielleicht verlor er ebenfalls einen Freund fürs Leben.
Der Versuch, sich nicht in den möglichen Geschichten hinter diesem
langen Gesicht zu verlieren, scheiterte nach wenigen Schritten. Sie
blieb stehen. Die Katze versuchte weiter zu gehen, doch ihr Herz befahl
ihr, ihm Gesellschaft zu leisten. Nicht zum ersten Mal gab sie aufgrund
des Dranges, einer Person in Not helfen zu müssen, ihre Sturheit auf.
Langsam kuschelte sie sich an das Bein und weckte damit Edgar von seinen
beängstigenden Träumen auf. Beim ersten Kontakt spürten beide die Leere
des Gegenübers. Die liebevollen grünen Augen der Katze durchdrangen das
Herz des Mannes und konnten ihn für einen kurzen Augenblick von seinem
Wahnsinn ablenken. Sie miaute zitternd nach seiner Aufmerksamkeit. Er
hockte sich auf den nassen Boden hin und seine Krauler vom Kinn bis zum
Ohr wurden mit dem beruhigenden Schnurren belohnt. Beim Wunschgedanken,
der Katze etwas zu kaufen, erinnerte er sich an seine Situation und
letztendlich gewann der Wahnsinn wieder die Oberhand als ausgerechnet in
diesem Moment eine ehemalige Schülerin in einem roten Kleid in sein Auge
fiel.<br />
»Hana, was machst du hier? Zieh dir doch wenigstens eine Jacke an«,
sagte die Isar, die ohnehin von einer Nachricht der Sonne bedrückt war,
als die Träumende im nassen, teilweise zerrissenen Kleid zu ihr
angerannt kam. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Die Breite ihres
Lächelns ignorierte die Grenzen ihres Gesichts.<br />
»Es ist der Tod, Isar. Ich habe die Antwort gefunden. Für den charmanten
maskierten Mann habe ich das schöne Kleid angezogen«, rief Hana
überwältigt von ihrer Sehnsucht. Die Isar wich zurück.<br />
»Isar? Was ist denn? Kennst du etwa den Tod?«, fragte das junge Mädchen.
Der Fluss schwieg.<br />
»Machst du dir Sorgen wegen meinem Kleid? Wird es ihm nicht gefallen?«,
fragte Hana. Nachdem sie keine Antwort erhalten hat, dachte sie kurz
nach und plötzlich fing sie an den roten Stoff in Fetzen zu zerreißen
bis die Regentropfen gierig an ihrer nackten Haut klebten und sie
küssten. Mit dieser Reaktion hatte die Isar nicht gerechnet. So kannte
sie Hana gar nicht. Sie wütete kreuz und quer, nachdem sie nun ihre
einzige Ablenkung von der demütigenden Arbeit verloren hatte.<br />
»Sieh mich an. Das wird ihm doch sicher gefallen. Jetzt muss ich ihn nur
noch hierher bringen«, lachte Hana und bemerkte bei ihrem Freudentanz im
Regen nicht die hungrige Bestie hinter ihm. Alle falschen Gedanken, die
Edgar jahrelang in den Unterrichtsstunden unterdrückte, strömten von der
Kammer im Gehirn zu seinem spitzen Schwert zwischen den Beinen runter.
Aus seinem Mund goss der Überfluss an Lust hinaus. Auch er entkleidete
sich und schärfte seine Klinge. Die Katze, die ihm folgte, sah den
Wandel nicht kommen. Wieder einmal bestrafte das Leben ihren hart
erkämpften Glauben an eine bessere Zeit. Sie befürchtete die Ankunft
einer ungewollten Bekanntschaft und so drehte sie sich um bevor sich
Edgar auf seine Beute stürzte. Das wilde Tier packte Hana von hinten und
warf sie auf den Boden. Er verschlang genüsslich den Nacken, ging den
Rücken entlang runter und hielt mit aller Kraft ihren Mund zu. Wenn auch
kein Wort von ihrer kleinen Freundin kam, reichten die Laute der Bestie
aus, die Isar zu alarmieren. Sie sammelte ihre Kraft als Edgar Hanas
Wundpunkt abtastete, um sie zu erstechen, doch erschrak sich beim
Einschlag eines Blitzes.<br />
»Du hältst dich erstmal raus«, übermittelte der Bote den Befehl der
Königin und instinktiv blieb der Fluss stehen.<br />
»Mama! Papa soll aufhören! Sag Papa, dass er aufhören soll!«, schrie das
arme Mädchen, dass Edgars haarigen Finger weg biss, während das Schwert
einstach. Diese Worte verdeutlichten mit der Nachricht der Sonne
zusammen die Befürchtungen der Isar, die den Schmerz, nichts tun zu
können, verschlimmerten. Sie musste zusehen wie Edgar seine Waffe
hineindrückte. Der ewig blockierte Weg zum Glück war für Edgar geöffnet.
Er wollte mehr und stach weitere Male ein in das hilflose Opfer, das mit
diesen Niederlagen schon siebzehn Jahre lang vertraut war. Nichts hielt
Edgars Rausch auf bis er in seiner linken Pobacke einen Biss spürte. Es
war ein winziger, aber deutlich störender Schmerz. Als er endlich
aufstand, war sein mächtiges Schwert zu abgeschwächt und verlor den
Kampf gegen die Krallen der schwarzen Katze. Die Enttäuschung in den
grüngelben Augen hinterfragten den Wert seiner Befriedigung. Ein
erneuter Angriff zwang ihn zu Boden. Sein letzter Gedankenschritt
bemerkte die Kurzfristigkeit seines heiß erwarteten Glücks. Hana
schnappte den nächsten handgroßen Stein und zerschmetterte damit das
Schwert endgültig. Während ihr Gehirn alte Erinnerungen verarbeitete,
demolierte sie Edgars Gesicht. Das Blut spritzte auf das schwarze Fell
und wie er es erwartet hatte, lebte der einst begeisterte Mathelehrer
seinen letzten Tag zu Ende. Wer genau lauschte, konnte das Lachen der
Sonne hören. Hana hörte aber nicht auf. Die Katze spürte einen kalten
Schauer über den Rücken laufen, als Hana aus dem Nichts wahnsinnig
glücklich lachte. Mittendrin änderte sich ihre Motivation hinter den
Schlägen. Und wie sie es sich erhoffte, umfasste eine große dunkle Hand
ihre Taille und trug sie zur Seite.<br />
»Es reicht«, sagte die riesige Gestalt und setzte sich zur Leiche hin.
Seine erdnahe Stimme berührte Hanas Wundpunkt zärtlich und heilte die
Schmerzen. Die Schwertscheide war überzeugt endlich das richtige Schwert
gefunden zu haben. Der maskierte Mann übertraf Hanas Vorstellungen.
Selbst im Sitzen war er doppelt so groß wie sie und seine breiten
Schultern hätten für sie ein Bett sein können. Der Bau des Todes war
nicht mit Männern zu vergleichen. Während der Tod nach einem passenden
Stein suchte, malte sich das Mädchen alle möglichen Bilder ihrer Zukunft
mit ihm aus.<br />
»Du hattest gestern und auch gerade eben deine Gründe. Aber du musst
aufhören, Kind«, erzählte er vor sich hin und übertrug die Seele Edgars
in einen Stein. Die Isar war überrascht und verwirrt. Sonst hatte der
Tod noch nie seine Meinung zu einem Mörder geäußert und das sollte er
auch nicht. Umso überraschter war sie, als Hana den Tod von hinten
bekletterte und umarmte. Doch sofort warf er sie zur Seite.<br />
»Tut mir leid, aber das kannst du nicht machen«, sagte er.<br />
»Nein, entschuldige dich nicht. Schubs mich. Stoß mich. Schlag mich tot
und nimm mich mit«, antwortete sie und bekletterte ihn von vorne. Sie
drückte sein Gesicht in ihren blutbeschmierten Bußen und versuchte dabei
seine Maske abzunehmen und wieder warf er sie zur Seite, aber erheblich
rücksichtsloser.<br />
»Dummes Kind! Red keinen Unsinn«, schimpfte er. Er nahm seinen Umhang ab
und wickelte sie darin ein. So sehr auch diese kalte Wärme ihren Körper
erregte, fühlte sie sich diesmal vom Charme des Todes beleidigt.<br />
»Das ist kein Unsinn. Töte mich sofort und nimm mich mit. Ich will dich
jede Nacht in mir spüren«, schmollte das Kind zunächst vor sich hin bis
sie den Zorn des Todes spürte. Seine Aura vergrößerte sich und nahm eine
unausgeglichene Farbe an, mit der nicht einmal die Isar bisher vertraut
war. Hana bekam Angst und ehe der Regen sich langsam zurückzog, waren
auch ihre Tränen zu sehen, jedoch reichte es nicht aus, ihren fest
verbauten Wunsch im Herzen abzuschrecken. Sie wartete weiter auf den
Todesschlag. Vermeintlich unbekümmert schloss der maskierte Mann die
Übertragung der Seele ab, bevor er anschließend den Stein in die Isar
warf. Der letzte Blitz schlug neben ihr ein. So schwer es ihr auch fiel,
schleuderte die Isar sich schwungvoll auf ihre kleine Freundin schneller
als es der Tod merken konnte und entführte sie ins Wasser. Auch Hana,
qualvoll von der Isar erwürgt, konnte sich vom Wahnsinn in ihren letzten
Sekunden befreien, als es schon zu spät war. Machtlos fiel der maskierte
Mann auf die Knie und beneidete die Lebenden um die Fähigkeit zu
sterben.<br />
»Ich kann nichts machen. Ich kann es nicht stoppen, liebe Katze. Es tut
mir leid«, weinte der Tod ohne Tränen.<br />
»Nein. Entschuldige dich nicht. <em>Du</em> tust mir leid«, sagte sie
und legte sich neben ihm auf den Rücken. Verhungernd und erschöpft vom
Kampf besaß sie ebenfalls nicht die Kraft zu weinen. Er kraulte ihr den
Bauch und wartete auf den Sonnenaufgang bis er zu guter Letzt der
beschämten Isar die Seele der schwarzen Katze übergab.</p>
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<footer>
Vithuran Vishnuthas © 2022 - 2023
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