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authorWriterV2 <primary-v2@protonmail.com>2023-04-02 13:39:31 +0200
committerWriterV2 <primary-v2@protonmail.com>2023-04-02 13:39:31 +0200
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@@ -0,0 +1,169 @@
+<p>Es war an einem kalten Winterabend als mein alter Freund mit den
+leuchtend blauen Augen das letzte Mal das Grab seiner Geliebten mit
+Tränen begoss. Sein Herz war abgebrannt. Es war kalt und unbewohnbar.
+Dennoch blieb es das Zuhause von Rina. Leon und ich wollten sie niemals
+gehen lassen. Zumindest dachte ich, dass wir einer Meinung waren. Nach
+ihrem grauenvollen Tod war Leon in Trauer und Wut gefangen. Ich fing an,
+ihn durch die schönsten Erinnerungen seiner Liebsten zu begleiten.
+Nächte, an denen sie nur sich gegenseitig hatten, heilten seine Wunden.
+Er wäre zu gerne bis zum Ende seines Lebens in seinen Träumen weiter
+gewandert. Einer der Mitarbeiter tippte Leon an und deutete ungeduldig
+auf die Uhrzeit.<br />
+»Ich werde dich rächen, Rina«, flüsterte Leon bevor er sich auf den Weg
+nach Hause machte. In diesem Moment nahm ich endlich Leons
+hinterlistigen Zauber wahr, doch es war zu spät.</p>
+<p>Während das warme Wasser Leons Kopf in der Dusche massierte, hatte er
+wieder nur Rina im Kopf. Ich wusste, dass es so nicht weiter gehen
+konnte. Also versuchte ich ihm auch andere Bilder der Vergangenheit zu
+zeigen. Allerdings war sein Zauber zu mächtig und er konnte jedes Bild
+ohne Anstrengungen ignorieren. Als es an der Tür klopfte, kam er zurück
+zur Realität, auch wenn es nur seine Realität war.<br />
+»Wie lange noch, Leon? Sonst pisse ich auf den Boden hier«, scherzte
+sein Mitbewohner Erwin, der von der Arbeit gekommen war.</p>
+<p>Erwin stürmte ins Badezimmer, sobald die Tür aufging. Mehr oder
+weniger urinierte er tatsächlich auf den Boden. Und wieder einmal durfte
+Leon danach sauber machen. Eigentlich hasste Leon seinen Mitbewohner.
+Vor allem seit Rinas Tod mied er ihn. Doch seit einigen Tagen löste sich
+der Hass magischer Weise auf. Ich verstand es zuerst nicht. Ohne die
+Augenbinde machte natürlich alles Sinn. Leon brachte seinem Kumpel eine
+Schüssel heiße Tomatensuppe zum Tisch. Erwin nahm Leons Wandel zunächst
+dankend an. Nichtsdestotrotz kam an diesem Abend Erwin mit einer
+wichtigen Information nachhause.<br />
+»Danke, aber ich muss etwas mit dir besprechen, Leon«, sagte Erwin in
+einem ernsteren Ton. Und so setzte sich Leon auch mit einer Schüssel zu
+ihm.<br />
+»Mir ist schon aufgefallen, dass du in letzter Zeit netter zu mir bist,
+Leon. Da wir uns jetzt so gut verstehen und ich heute früher Feierabend
+hatte, wollte ich dich von deiner Arbeit abholen kommen«, schilderte
+Erwin. Leon verstand direkt, worum es geht. Er wusste aber auch, dass er
+das nicht verstehen sollte. Nervös fing er an schneller zu essen.<br />
+»Leon, verheimlichst du mir etwas?«, fragte Erwin. Leon antwortete nicht
+und blickte runter auf seine Suppe.<br />
+»Ich bin nicht sauer auf dich. Ich wünschte nur, dass du mir früher die
+Wahrheit gesagt hättest. Wann wurdest du denn gekündigt?«, fragte Erwin.
+Leon fiel ein Stein vom Herzen. Erwin servierte selber die Lüge auf dem
+Silbertablett. Auch nach so vielen Jahren wagte er es nie zu bezweifeln,
+ob Leon tatsächlich dort arbeitete. Vor Erleichterung brach Leon in
+Tränen aus. Erwin legte seinen Arm um Leons Schulter.<br />
+»Mensch! Das ist doch kein Weltuntergang!«, tröstete Erwin seinen Kumpel
+und glaubte es ginge nur um eine Kündigung. Es ging aber auch nicht um
+die Lügen gegenüber Erwin, sondern um die gegenüber Leon selber. Ich
+nutzte diese kleine Lücke in Leons Zauber sofort aus. Ich wusste, dass
+Erwin der Schlüssel war. Während die beiden anfingen über Leons Zukunft
+zu plaudern, malte ich immer wieder die Erinnerung nach, die die Sperre
+durchbrechen würde. Leon fasste sich an den Kopf. Es schmerzte. Sein
+Oberteil war durchnässt vom Schweiß. Er versuchte mit aller Mühe die
+Erinnerung anzukämpfen. Plötzlich haute er auf den Tisch, warf die
+Schüsseln um und schubste Erwin weg. Leons Schrei entflammte die dunkle
+Energie um ihn herum. Zitternd schaute Erwin von seinem in roter
+Tomatensoße ertränkten Hemd hinauf zu Leons tödlichen Augen.<br />
+»Was…ist…los?«, brachte Erwin mühevoll über die Lippen. Ich hatte keine
+andere Wahl. Es war die einzige Möglichkeit.</p>
+<p>Am nächsten Morgen frühstückte Leon alleine. Er schaute kurz in
+Erwins Zimmer rein. Sein Kumpel schlief tief und fest. Leon glaubte,
+dass der Arme vermutlich wegen der Suppe nicht gescheit schlafen konnte.
+Irgendwas sei falsch mit ihr gewesen. Schließlich ging es ihm selber
+auch fürchterlich. Also marschierte er an diesem sonnigen Sommertag
+sofort zur naheliegenden Apotheke los.</p>
+<p>Auf dem Weg erwartete ihn jedoch eine Überraschung. Sie war die
+letzte Person, die er sehen wollte. Bevor er sie sah, konnte er sich
+nicht mal an sie erinnern.<br />
+»Leon. Ich muss unbedingt mit dir reden!«, rief Tomiko. Leon drehte sich
+sofort um. Niemanden hasste Leon so sehr wie Rinas Schwester. Ständig
+versuchte sie das glückliche Liebespaar auseinander zu bringen. Sie war
+bestimmt neidisch. Rina war schöner in den Augen aller Männer, die Augen
+besaßen. Seit der Beerdigung hatte Leon Tomiko nicht mehr gesehen.<br />
+»Du kannst mir nicht länger ausweichen!«, brüllte Tomiko. Leon lief weg
+als würden die Hexer des Lichts ihn verfolgen.<br />
+»Ich weiß, dass du es warst…und wenn du nicht mit mir redest, dann rede
+ich mit der Polizei«, sagte Tomiko. Instinktiv blieb Leon stehen. Was
+soll er gewesen sein? Er verstand überhaupt nicht was sie meinte. Er
+hatte alle Puzzleteile in den Händen, doch er konnte das ganze Bild
+immer noch nicht sehen. Diesmal war ich mir nicht sicher, ob ich diese
+Möglichkeit ausnutzen sollte. Leon drehte sich langsam um.<br />
+»Rina! Nein!«, schrie Leon erschrocken beim Anblick von Tomiko, die
+plötzlich von quälenden Flammen umgeben war und sich in kurzer Zeit in
+eine brennende Leiche verwandelte. Was ist geschehen? Er hörte das
+Lachen eines schadenfrohen Dämons. Hinter dem Schaufenster eines
+abgeschlossenen Ladens grinste ein alter Mann und lenkte amüsiert die
+Flammen um Tomikos Körper herum. Leon erkannte die blutroten Augen
+wieder.<br />
+»Schön dich wiederzusehen, Leon«, sagte der Mörder von Rina. Wut
+entfesselte Leons Kräfte, die lange verborgen waren. Er hämmerte aufs
+Glas, während der alte Mann provozierend lachte und mit nur drei
+Schlägen zerschmetterte Leon das Schaufenster. Mit von Hass und Mordlust
+aufgeladener Faust sprang Leon in den Laden rein, um endlich seine Rina
+zu rächen. Doch er konnte den Mörder nicht mehr sehen. Wo war er bloß?
+Leon konnte immer noch das grässliche Lachen des alten Mannes hören. Und
+dann machte es Klick. Tatsächlich war der Mann mit den roten Augen nicht
+im Laden, sondern versteckte sich im Spiegelbild.<br />
+»Das sollte doch für den großen Hexer der Flamme keine Herausforderung
+sein, nicht wahr?«, spottete er. Mit einem Zauber, der auch mir
+unbekannt war, gelang es Leon den blutrünstigen Mörder aus dem
+Spiegelbild herauszuziehen. Er zwang den Mann auf die Knie. Um nun
+endlich Rache schmecken zu dürfen, lud er seine Faust nochmal mit
+Flammen auf. Und als er auf diese Flammenfaust blickte, durchbrach das
+Bild, welches ich ihm gerade malte, die Sperre seines Zaubers endgültig.
+Verstummt setzt sich Leon auf den Boden und hört mir endlich zu.<br />
+»Halt deine verfluchte Klappe!«, brüllt der alte Herr mich an.<br />
+»Hör nicht auf diese Labertasche. Bring mich um, Leon!«, fordert er
+seine andere Hälfte auf. Doch Leon ist frei vom Zauber. Das blutige rot
+vermischt sich mit dem unschuldigen blau. Leon erinnert sich an die
+Wahrheit.</p>
+<p>Tomiko wollte schon immer Leon von Rinas Treulosigkeit überzeugen.
+Eines Tages hatte sie sogar Beweise dabei. Aber auch den Fotos wollte
+Leon nicht glauben. Er überprüfte die Sache auf eigene Hand. Er log,
+dass er eine Woche auf Geschäftsreise gehen musste und verwandelte sich
+in dieser Zeit in einen Schatten. Leon fing an Rina zu verfolgen. Er
+fühlte sich dabei sehr schlecht, da er Rina vertraute. Doch bereits am
+ersten Tag sah er den Mistkerl mit ihr. Er verfolgte die beiden vom Park
+bis ins Zimmer von Rina. Ich hatte Angst. Ich war von dunkler Energie
+umhüllt als Leon zusehen musste wie Rinas Körper sich unter der Dusche
+an Erwins Körper wälzte und dieses Tier ihre Lippen verschlang. Er
+verstand gar nichts mehr. War alles eine Lüge? Auch ich weiß bis heute
+nicht die Antwort auf diese Frage. Trotzdem wand Leon den Blick bis zum
+Ende nicht ab. Mit jedem Stoß baute sich immer mehr Hass um mich herum
+auf und mit aller Kraft verteidigte ich Rinas Zimmer in mir. Allerdings
+nahm die dunkle Energie langsam die Form von Flammen an. Ich war zu
+schwach. Erwin hatte Glück gehabt. Genau nachdem er sich mit einem Kuss
+von ihr verabschiedet hatte, brannte Rinas Zimmer in mir ab. Leon
+verwandelte sich zurück.<br />
+»Und ich dachte, ich wäre das Arschloch gewesen«, murmelte Leon vor sich
+hin und erschrak Rina.<br />
+»Leon? Wie bist du ’reingekommen?«, stotterte sie bevor Leon mit seiner
+Flammenfaust auf sie einprügelte. Ich konnte ihn auch nicht mehr davon
+abhalten. Er hörte nicht auf bis sie so sehr brannte wie ich. Ich wagte
+es zu sterben und Leon herzlos alleine zu lassen. Ich drückte die übrig
+gebliebene Liebe für Rina zu mir und ich ließ nicht los. Sie hat Leon
+betrogen. Sie hat mich betrogen. Doch für mich änderte das nichts an der
+Liebe, die sie uns schenkte, als wir sie am meisten gebraucht haben.
+Rache wird niemals die Flammen sättigen. Irgendwann als Leon sich einen
+Moment nahm, um den Anblick der brennenden Leiche zu genießen, erinnerte
+er sich an seine eigenen Fehler vor vielen Jahren. Er sah sich über den
+Menschen. Rina war die erste Person, die Leons Liebe gegenüber Menschen
+erweckt hatte. Und nun fing das Morden wieder an. Obwohl er sie so sehr
+liebte…nein, gerade weil er sie so sehr liebte, gab er ihr keine
+Chance.</p>
+<p>Es tut mir leid, Leon. Vielleicht war alles mein Fehler. Ich malte
+dir die schönsten Erinnerungen von Rina noch schöner als sie eigentlich
+waren. Ich konnte nicht zulassen, dass die bittere Wahrheit die Überhand
+gewinnt und deine Rage weitere Opfer hervorbringt. Es hat uns beide
+geheilt. Aber du hast das Glück für die Zukunft aufgegeben und hast nach
+dem Glück der Vergangenheit gestrebt. Deswegen hast du selber mit einem
+verbotenen Zauber deinen Schmerz und deine Schuld von dir abgespalten.
+Du wolltest als Leon mit den leuchtend blauen Augen den Leon mit den
+blutig roten Augen vernichten und mit einem guten Gewissen sterben. In
+Wirklichkeit hast du nur dich selber betrogen, da ein Teil von dir
+jahrelang mit dem Schmerz alleine weiter leben musste und auf den
+Gnadenstoß wartete. Ich spüre die Hoffnungslosigkeit in dir, doch ich
+habe unser Glück noch nicht aufgegeben.</p>
+<p>Die Hexer des Lichts treffen noch vor der Polizei ein. Auf uns wartet
+der Entzug aller magischen Kräfte. Wir müssten hart dafür kämpfen jemals
+wieder die Welt außerhalb der Gitter zu sehen. Leon kennt viele Wege
+schmerzlos in den ewigen Schlaf zu fallen. Der Hass gegen alles auf
+dieser Welt strömt durch seine Hand. Ein letztes Mal male ich ihm die
+Erinnerungen von Rina. Diesmal sind es die echten Erinnerungen. Diesmal
+sind es alle Erinnerungen. Leon lächelt. In diesem Moment wünschen wir
+uns beide für jedes Lebewesen dieses wundervolle Glück. Wie viel Schmerz
+müssen wir ertragen, um dieses Glück zu finden? Es ist vielleicht ein
+hoffnungsloser Weg. Aber Leon vertraut mir. Er vertraut seinem Herz.</p>